Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Max Liebermann
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 539 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Hermann Gundersheimer: Max Liebermann jener oft erschütternden „Zufälle", wo die Aufgabe und die lösende Energie zusammentreffen. Auch der Eintritt Max Liebermanns in die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts vollzog sich im Sinne einer Harmonie der Entwicklungen: in keinem anderen Abschnitt der deutschen Kunstgeschichte hätten seine Kräfte und Begabungen sich ähnlich entfalten können, kein anderer Augenblick im Ablauf der Entwicklung war so auf seine persönlichen Möglichkeiten angewiesen wie der seines Eintritts in die deutsche Malerei. Er hat die Kunst seiner Epoche nicht „gemacht", so wenig wie er sich von Tendenzen seiner Zeit nur hätte tragen lassen. An ihm und durch ihn erfüllte sich ein geschichtliches, künstlerisches Werden, und nichts ist uns ein stärkerer Beweis seiner ernsten, tiefen Künstlerschaft, als daß er zum Träger einer Entwicklung wurde, die auf ihn zukam und auf die er antworten konnte, wie nur einer, der angesprochen wird. Die künstlerische Situation, vor die sich Liebermann gestellt sah, war eine europäische. Wenn auch eine rückblickende Geschichtsbetrachtung die spezifischen Konstanten nationalen Kunstschaffens in den Schöpfungen dieses Jahrhunderts erkennen wird, die Lage und die Forderung der Kunst war in allen europäischen Ländern von seltener Ähnlichkeit. Ob in Frankreich, in Holland oder in Deutschland — die Malerei war aus den Fesseln einer historisierenden Erzählungsweise zu erlösen. Eklektizismus im Technischen äußerte sich zumeist in Formen und Inhalten, die vom „Geiste des Jahrhunderts" keinen Hauch verspüren ließen. Wir haben uns daran gewöhnt, den Geist des Jahrhunderts den naturwissenschaftlichen, den rationalistischen zu nennen und, aus der Gegensätzlichkeit zweier aufeinander folgender Generationen, diese Qualifikationen negativ zu werten. Nirgends aber ist dieses Jahrhundert der naturwissenschaftlichen Weltanschauung fruchtbarere Voraussetzung unserer eigenen Situation geworden als auf dem Gebiete der Malerei. Der äußere Vorgang, das Verlassen des Ateliers, das unmittelbare Aufgeschlossensein in und gegenüber der Natur bedeutet zugleich eine neue Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt, eine Besinnung des Menschen auf seine Zeit, ein Einbeziehen der Kunst indas erfüllte Leben derZeit. Wenn wir heute eine Kunst fordern, die nicht vom'Leben abgewandt, sondern ein Teil des Lebens selbst ist, so können wir diese Forderung erheben, weil uns das 19. Jahrhundert die Voraussetzung dazu gab. Max Liebermann war nicht der erste, der in Deutschland an die Stelle der Historienmalerei eine zeitnahe Malerei setzte. Aber er vollzog im Thematischen die entscheidende Wendung. Weit über den großen Menzel hinausgehend, dessen Bilder aus der Geschichte nichts mehr mit Historienmalerei zu tun haben, schuf er einen neuen Begriff des Bild-Würdigen. Wie die Dramatiker 539