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Der Morgen · 1935-03-01 · Heft 12 (März 1935) · p. 537

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 12 (März 1935)
Article
Der jüdische Mensch
Date
1935-03-01
Page
537 (sequence 11)
Language
German
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Der jüdische Mensch trast, den er innerlich zu lösen hatte, hat seelische Linien in ihn eingezeichnet. Manche Besonderheit dieses Gepräges hat sich durch die Jahrhunderte in einer bald umgebenden, bald bedrängenden Geschichte und unter wechselnden wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen entwickeln können; sie stellte sich, zum Beispiel, an den sephardischen und den aschkenasischen Juden dar. Aber während des jüdischen Mittelalters und innerhalb seiner Einheitskultur waren die seelischen Züge doch gleich und beständig geblieben. In der Einheit der Kultur war zudem eine stetige Einheit einer Wissenschaft, der talmudischen, der TraditionsWissenschaft entwickelt worden. Sie hat oft auch eine Bildungseinheit gegeben und hat, zumal als solche, in gewissem, wenn auch bisweilen überschätztem Maße ihre Eigentümlichkeit an dem jüdischen Gesamtdenken, aus dem heraus sie geboren war, wieder ausgeprägt. Ihre Besonderheit ist zunächst der assoziative Charakter. Sie will weniger Begriffe zerlegen, auflösen und entfalten als vielmehr sie von überall her heranführen, sie verbinden und vergleichen, erste bedingende Anfänge und letzte mögliche Enden an ihnen aufweisen, gemeinsame und sich trennende Wege aufzeigen. Ihre Dialektik und ihre Logik sind die der Phantasie. Das Einzelne wird aus einer Einheit und Ganzheit, nicht aus der bloßen Allgemeinheit, herausgeholt, gewissermaßen von den „Vätern" hergeführt; das Ganze und damit das Eine, nicht das Einzelne oder der Teil, ist hier das erste. Auch hier wird so wieder das Denken durch eine Idee der Einheit gelenkt. Sie ist hier eine ganz charakteristische, die der einen Bibel, der Offenbarung des einen Gottes, einer Einheit also, die nicht in einer Zusammensetzung der Teile, sondern durch den Ursprung besteht, so daß jedes Wort darin das andere trägt und bestimmt, jedes Wort darin aber auch — das ist das Weitere — mehr besagt als sein bloßer Wortlaut meint. Nicht auf ein Begründen als vielmehr auf ein Ergründen kommt es hier also an. Weil der Ursprung derselbe, die Offenbarung die eine ist, müssen immer wieder die Sätze, auch von der Ferne, an einander herangebracht und muß immer wieder jeder Satz zu noch tieferer Tiefe hin verfolgt werden. Zu aller Wissenschaft gehört hier darum auch die Mystik. Zusammendenken, Zuendedenken und Erschließen, das ist hier die eine Aufgabe, die nie fertige. Diese ganz eigentümliche Weise hat sich im jüdischen Denken gestaltet, und auch sie hat der Einheitskultur des Mittelalters einen bezeichnenden und beständigen Ausdruck gegeben. Im letzten Jahrhundert hat sich dann aber dieses einheitliche Gefüge oft verändert, wenn nicht gar aufgelöst. Wie überall, und weil überall, hat in dieser Zeit auch im Judentum eine Verweltlichung ihren Raum gewonnen und das Religiöse zurückgedrängt. Jene alte Einheitskultur hörte nun auf, die Juden wurden in die 537

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