Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Der jüdische Mensch
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 536 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Baeck zumal dem Juden der Kolonie das Gepräge gegeben. Er konnte gewissermaßen außerhalb der Zeit stehen, die ihn überwinden wollte. Den Menschen, denen das Tragische fern war, konnte er dann als der Ahasver, der Zeitlose, erscheinen. Hierzu kam, vielleicht noch tiefer die Züge eingrabend und auch jene Tragik vertiefend, wie sie sich im Judentum gestaltet hatte, das starke und geschichtliche Gefühl einer Unterschiedenheit Das Volkstum Palästina und danach die Gemeindekolonie waren rings vom Heidentum umgeben. Der Jude erfuhr im Bereiche seines Entscheidenden, des Religiösen, daß er anders war. Und da alles, was er im Religiösen erlebte, ihm zum Gebote wurde, so wurde auch dieses, daß er anders war, ihm zur Sendung und damit zu einem Sinn seiner Geschichte. Der bejahende Gedanke der Erwählung, aber damit doch zugleich der des messianischen Zieles und der einstigen Gemeinschaft aller sprach in ihr. Es wurde zur Linie der Bestimmung, zur Linie, die von dem einen Gotte ausging, anders zu sein. Im Mittelalter hat dann dieses Bewußtsein der Unterschiedenheit seinen eigenen Zug erhalten. Das Christentum und danach der Islam hatten die Länder erobert, in denen die jüdischen Gemeinden waren, und diese eine wie diese andere Religion, vor allem aber das Christentum, war geschichtlich und geistig aus dem Judentum hervorgekommen — das ist ja auch der Grund, weshalb hier Antisemitismus, zumal in neuerer Zeit, so manchesmal und mancherwärts nichts anderes als ein Selbsthaß ist, dieser Haß gegen das, was in einem erbhaft und wesenhaft und daher von einem unablösbar ist, dieser Selbsthaß, wie ihn auch entwurzelte Juden bisweilen gegen sich hegen. Dem Christentum und dem Islam gegenüber sprach oft im Juden, mit all der Spannung, die sich darin ausdrücken konnte, sowohl das Unterschiedene wie das Einigende, das Gegensätzliche wie das Verbindende. Ja er konnte und mußte in ihrem Geschick ein Stück eigenen Geschickes, gleichsam ein Stück jüdischer Geschichte erleben; er durfte in ihrem Wege etwas von dem eigenen Wege erblicken. Wenn von dort zu ihm hingesehen wurde, so erschien er den Menschen als ein Vergangener, ein Überholter und Überwundener. Wenn er zu ihnen hinschaute, so stand vor ihm eine Geschichte, welche seine Geschichte auch war, und das will sagen: nicht nur ein Früheres, Vergangenes, aus dem er und sie geworden, sondern eben so sehr und noch mehr eine Zukunft, die von ihnen beiden sprach. Zu dem Gedanken einer Verantwortlichkeit, der religiösen Verantwortung für die Welt, in deren Mitte er lebte, durfte das ihm werden und damit zu einem Sinne des Weges, den er wie eine Vorhut der Menschheit, wie ein immer Voranschreitender und Vorangestellter ging, ein immer Bedrohter und Ausgesetzter im Gange des Geschehens. Mensch des Gewesenen war er für die anderen, Mensch des Werdenden und des Kommenden war er vor sich; dieser Kon- 536