Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Der jüdische Mensch
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 538 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Hermann Gundersheimer / M.CLX LiebertTlCLtltl Es ist eine geheimnisvoll-günstige Erscheinung im Ablauf der Geschichte, daß mit der zur Reife drängenden Aufgabe ein Mensch heranwächst, der berufen ist, diese Aufgabe zu lösen. Im Heranreifen einer Persönlichkeit mit dem zur Lösung drängenden Problem darf man die gleiche vorbestimmte Geschichtsharmonie erkennen, die es undenkbar macht, daß Raffael ohne Hände wäre geboren worden (Lessing), wenn nicht auch die geschichtliche Entwicklung, mit der er korrespondiert, von Anbeginn an hätte anders verlaufen müssen. Diese geschichtliche Harmonie umschließt das Gesetz der „großen Zeiten, die große Männer finden", des Wachsens des Menschen mit seinen höheren Zwecken und all (Schluß von Seite 537) Länder eingegliedert, und auch die koloniale Art trat damit zurück. Aus der alten Gemeinschaft wurde nun für viele die bloße Gesellschaft, aus der Tradition die bloße Konvention. Mit der Verdünnung oder dem Entschwinden des Religiösen war dem seelischen und dem geistigen Wesen der nährende Boden, der Boden der Kraft und der Würde, beeinträchtigt oder entzogen. Juden ohne Religion und ohne Tradition sind innerlich dem Tage und der Meinung anheimgegeben. Die Polarität des Wesens wurde nun leicht zur Gespaltenheit und Zerrissenheit oder zur Unrast und Vielgeschäftigkeit; der Mensch der Charakterisiertheit wurde zum Menschen, der immer suchte, was er sein und was er sagen und was er tun sollte. Die seelische und geistige Gabe wurde zum bloßen Talent, die Fähigkeit seelischer und geistiger Verbindung zur bloßen Verstandesrichtung oder zum Intellektualismus, der Zukunftswille zu einem hastigen Trachten nach einem Morgigen, nach einem Modernsten. Die Eigenschaften verdrängten so die Eigenart, und sie verdrängten damit, so gern viele dieser Juden sich ihres Menschentums rühmten, mehr und mehr den Menschen. Es gab mehr Reflexe als Licht; es war, wenn man das Bild von Peter Schlemihl umkehren darf, wie wenn der Schatten, der oft im Lichte von irgendwoher leuchtende Schatten, den Menschen verloren hätte. Aber dieses Wort spricht, wie wir hoffen dürfen, schon von einem Gewesenen. Die jüngsten Jahrzehnte haben die Wiedergeburt des jüdischen Menschen erfahren, die Wiedergeburt einer Einheit aus dem Judentum hervor. Der jüdische Mensch will wiederkehren. 638