Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Der jüdische Mensch
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 535 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Mensch steigenden Macht. Denn eine jede Frage wurde hier zur religiösen, und Antwort konnte immer nur vom Gottesgesetz verkündet sein; das Soziale ist zur Wesenseigenschaft geworden. Im Religiösen haben Land und Kolonie das ihre geben können, um den jüdischen Menschen zu gestalten. Die Züge sind dann durch ein Doppeltes mehr noch ausgeprägt worden. Zunächst durch eine starke religiöse, sittliche und geistige Tradition, in der diese Menschen lebten. Menschen der Kolonie können, wenn sie nicht in ihrer Kultur herabsinken sollen, nicht ohne ein lebendiges Traditionsgefühl sein. Hier zumal, wo die Kolonien vereinzelt waren und ihnen der unmittelbare räumliche Zusammenhang fehlte, mußte der geistige Zusammenhalt um so inniger, die Autorität der Geschichte — und darauf gründet sich doch Tradition — um so gefestigter sein; ohne sie wären die Kolonialmenschen innerlich und äußerlich auseinandergefallen. Die Religion hat hier, weil sie hier die Geschichte geboren hat, die große Tradition geschaffen und ist durch sie dann auch wieder bewahrt und gesichert worden; die Tradition hat Kindespflicht an ihr geübt. Von einander getrennt, in der Umgebung, im Schicksal und auch in der Bildung unterschieden, haben diese Kolonien die Aufeinanderfolge ihrer Tage, wo immer sie ihnen beschieden waren, als eine gemeinsame Erbfolge der Tage, als eine Sukzession in der Gemeinschaft erfassen können. Durch die Tradition ist es so gewesen, und beides war durch sie geeint und hat in dieser Einheit die Menschen geformt: das Dasein auf dem bestimmten tragenden Platz und das Dasein in der Gesamtheit, das Leben im Jetzt und das Leben im Überlieferten. Tradition ist hier nicht bloß Historisches; sie ist der Weg vom Früheren zum Zukünftigen. Denn Geschichte bedeutet jetzt — und auch das ist ein Bildendes, ein eigentümlich Jüdisches geworden — nicht nur Vergangenheit mit ihrem Weiterdauern, sondern den Weg, welcher zur Zukunft führt. Geschichtliche Erkenntnis ist hier immer Prophetie. Sie vermag rückwärts zu schauen, weil sie vorwärts geschaut hat. Sie versteht, was geworden ist, weil sie begreift, was sein und werden soll; hierin hat die biblische Geschichtsschreibung ihr ganz Bezeichnendes. Wissen um die Tradition und messianische Gewißheit, Festhalten an dem Überkommenen und Festhalten am Zukunftsglauben sind nur der zweifache Ausdruck einer und derselben seelischen Kraft. Darum hat sich der Jude nie der Zeit zu ergeben brauchen, so sehr sie gegen ihn zu zeugen schien; denn über ihr stand für ihn seine bleibende Geschichte; Vergangenheit, Gegenwärtiges und Zukunft waren für ihn eins. Zeit war für ihn nicht der Kronos, der seine Kinder, die Zeiten, verschlingt, sondern Zeit war für ihn das Zeugende und Gebärende von Geschlecht zu Geschlecht; sie besagte das, was war und was kommen soll, bis alle Tage erfüllt seien. Sie meinte darum Hoffnung. Das hat 535