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Der Morgen · 1935-03-01 · Heft 12 (März 1935) · p. 534

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 12 (März 1935)
Article
Der jüdische Mensch
Date
1935-03-01
Page
534 (sequence 8)
Language
German
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Leo Baeck des Sittlichen aufgerichtet ist, um die Offenbarung, die aus dem Unergründeten hervorkommt, um das unbedingte „du sollst", das aus dem Unerforschlichen spricht, und um das Sabbatliche auch, dieses Heraustreten der Seele aus dem Gange der Tage. Durch dieses Zwiefache, das in der Wurzel eins ist, hat der jüdische Mensch bestimmende, unterscheidende Züge seines Wesens erhalten. Weil vermöge des Anfangswunders dieser Mensch geschaffen worden ist, haben Land und Kolonie ihm in seine Seele eintreten können. Glaubenskräfte, zumal wenn sie zur Geschichte werden, ziehen wie kaum sonst etwas den Pflug durch die Seele und geben ihr eine Bildsamkeit, eine Plastizität. Ohne dieses Religiöse hätte jenes andere entweder nichts geformt oder nur etwas, was in der Ebene der Anpassung, in der Fläche der Nützlichkeit geblieben wäre. Nun aber konnte die eigentümliche Spannung, die Polarität, in der sich all das Gegensätzliche des Landes entfalten wollte, in den Menschen eindringen und das weiter gestalten und verinnerlichen, was schon vom Religiösen her wurde oder geworden war: die Gabe, Widersprüche in sich aufzunehmen, um ihnen die lösende Einheit zu geben, Kontraste zu einem Bereiche des Heiligen emporzuführen und damit aufzuheben. Vor allem auch das Gegenüber von Volkhaftem und Welthaftem, von einer starken Verbundenheit mit dem Boden und einem Hinausdringen zu den Weiten hat nun in dem jüdischen Menschen diese seelische Einheit gefunden, die ihn seither bestimmt: das Sondergeschichtliche und das Menschheitliche rügten sich zum Einklang, sie wurden für einander zur Antwort. Der Platz, den das Land angewiesen hatte, an den Straßen der Welt und an dem Ausblick in die Welt, dieser Platz, auf den danach auch wieder die Kolonie hinstellte, gab dieses selbe, dieses geschichtliche Bewußtsein, im eigenen Volke und inmitten der Völker zu wohnen, in der eigenen Zeit und in den Zeiten zu sein. Das Abgesonderte und das Allumfassende war in diesen Menschen im Grunde eines. Jenes Ringen mit dem Boden und jenes Warten auf den Boden wiederum hat den jüdischen, den religiösen Optimismus, der die Dinge und die Geschehnisse nicht betrachtet, sondern, wo es not tut, mit ihnen kämpft, diese vertrauende Zuversicht auf das Schließliche, die sich streitend und leidend auf die Seite der Zukunft stellt, diesen geduldigen, sich nicht beugenden, immer wieder beginnenden Glauben an das Letzte weiter wachsen zu lassen. Das, was dem Kolonialmenschen eignet, das Ineinander von Bestimmtheit und Sehnsucht, von Bindung an das Umgebende und an das Ferne, hat dem dann noch eine besondere Linie eingezeichnet. Und endlich jene stete Frage, die in dem engen Lande der Raum an das Volk richtete, sie hat jetzt ihre Antwort in dem deutlichen, allen geltenden Gebote erhalten müssen, abseits alles wechselnden Vorteiles, aller auf- und nieder- 534

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