Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Der jüdische Mensch
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 533 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Mensch konnte. Auf die Hybris, die Überhebung, die durch jene gelehrt, und auf das allzu sichere, das durch diese gebracht schien, stößt hier die unberechenbare Linie aus der finsteren Ferne, die Geschickesmacht aus dem Dunkel. In der jüdischen Seele besitzt das Tragische — dieses Wort in dem weiteren Sinn genommen, den; ihm die spätere Zeit gegeben hat — den völlig verschiedenen, den neuen Gehalt. Hier erwächst es in dem Erleben des Menschen, der von Gott her bestimmt, von Gott gesendet und damit als Schaffender und Erfüllender in eine Unbegrenztheit hinein, vor den endlosen Weg hin gestellt ist. Hier steht dieser ganz andere, der jüdische tragische Mensch da, dieser Mensch, der das Unendliche der Verantwortung empfindet, der an dem Leiden der Welt trägt, an ihrem Chaotischen und Gewaltsamen, den die große Hoffnung, die Erwartung dessen, was kommen soll, treibt, dem das Martyrium, dieses Zeugnis dessen, daß der Mensch den Mittelpunkt in Gott hat, zur Entscheidung und zur Kraft des Lebens geworden ist. Diese Tragödie will nicht Furcht und Mitleid wecken, sondern Ehrfurcht und Nachfolge bewirken; ihr Gegenstand ist nicht der Konflikt, sondern das Gebot. Nur Menschen mit einem Zwiefachen konnten dessen fähig und dem gewachsen sein: Menschen mit dem Wissen um das Geheimnis und mit der Tiefe der Phantasie. Geheimnislosen und phantasielosen Menschen bleibt alles Tragische fern, und sie erkennen und begreifen es an keinem Menschen. Dem Juden ist durch seine Religion das Irrationale zu der großen Gewißheit seiner Seele geworden, mochten die Ausdrucksformen seines Denkens auch oft rationale, in Gesetzen und. zu Zielen hin geordnet sein. Dieser Mensch des Irrationalen, des Geheimnisses ist der, in welchem die Empfänglichkeit für das Unendliche erwacht ist, der unter allem das Verborgene, hinter allem das Jenseitige zu erfassen beginnt, dem sich das Symbolhafte, Gleichnishafte alles Erschaffenen erschließen will, der Mensch, der an allem die Linie sieht, die von dem einen Mittelpunkt dahin führt. Darum ist er zugleich der Mensch der religiösen, dieser im tiefsten künstlerischen, Phantasie, nicht jener schweifenden, unstäten, schwärmenden, in der sich die Sinne ausgeben, sondern dieser wissenden, ahnenden, in der sich die Seele erfüllt, dieser antwortenden Phantasie, welche weiß, weil sie sich mit keiner Oberfläche, mit keinem Zeitlichen und Irdischen begnügt, welche ahnt, weil das Jenseitige, das Unendliche, Ewige sie anruft, die darum eben so sehr eine Phantasie der Güte wie des Blickes, eine Überlegenheit des Herzens wie des Auges ist. Selbstsucht, Kleinlichkeit, Haß, Neid, das alles ist immer Mangel an einer echten, wahrhaften Phantasie. Durch diese Erschlossenheit für das Irrationale und durch diese Phantasie haben hier Menschen um das Heilige erfahren, um die Ehre Gottes, von der die Welt umfaßt ist, um die Allmacht, in der die Erhabenheit 533