Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Der jüdische Mensch
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 532 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Baeck gleich der alles Sollens ist. Das Schöpferische ist hier immer das Gebietende. Daß von Gott die Linien des Menschlichen ausgehen, das bedeutet daher auch, daß der Mensch von Gott gesendet ist — und dieser Gedanke der Sendung tritt an die Stelle dessen, was im Heidnischen die Idee der Tugend und Tüchtigkeit ist. Das Leben des Menschen wird zur Aufgabe, die Gott ihm stellt, zu dem ihm von Gott gewiesenen Wege, den er gehen soll. Und daß Gott ihn sendet, besagt zugleich, daß er in die Unendlichkeit hineingestellt und hin eingeschickt ist, daß er sich mit keiner Gegebenheit, mit keiner Begrenztheit, mit keiner Rast begnügen darf. Alles Geschehnis wird zur Frage, die an ihn gerichtet ist; alles, was vorgeht, bezeugt ein Gericht, alles was kommen will, verkündet Zukünftigkeit. So kann des Menschen Seele niemals taub und stumm, niemals für sich nur sein, in Selbstgewissem und Selbstzufriedenem, und niemals fertig sein in einem menschlich Endgültigen, in einem irdisch Vollführten. Der Glaube, daß der Mittelpunkte und der Götter viele seien, gab die Möglichkeit sich von dem einen zum anderen hinzuwenden, diese Möglichkeit des Entgehens, der Ausflucht und der Ausrede. Der Mensch des einen, einzigen Gottes, dieser Mensch des Theozentrischen, ist der, welcher nicht ausweichen noch sich entziehen kann; er ist der Mensch, vor dem immer und überall die Forderung steht. So prägte sich die weitere Eigentümlichkeit in die Seele des Juden, daß sie die Seele geworden ist, zu der immer das Gebot spricht, der nie das Ende des Tuns noch das Ziel der Antwort kommt. Damit hat der Begriff des Tragischen einen neuen, den jüdischen Sinn gewonnen. In dem griechischen Volke, welches das Wort und die in ihm benannte Dichtung geschaffen hat, bezeichnete er ein Erfaßtsein des Menschen durch ein Schicksal, das nach ihm gegriffen hat, und dem er, gehalten oder haltungslos, erliegt. Schicksal ist dort die außerordentliche Linie, die als das Außergewöhnliche über den anderen allen sich hinzieht, über dem allem also, was vom Lande und Staate oder vom einzelnen Menschen gebend und bestimmend ausgeht; es ist die Linie, die sich von irgendwoher aus dem fernsten Bereiche, aus dem Dunkel, grundlos und sinnlos zu irgend einem Menschen hin richtet. Dieser tragische Mensch ist darum in der Verlassenheit und Hilflosigkeit, er kann nichts und niemand mehr anrufen; nur auf zwei Höhen, dort, wo Prometheus bis zum Letzten an sich festhält, und, in anderer Weise, dort, wo den sterbenden Ödipus der heilige Hain der Göttinnen der Unterwelt umfängt, zeigt ein Größeres seine Umrisse. Diese Tragödie ist darum im wesentlichen Schicksalstragödie, so daß im Entscheidenden ein Schicksal Subjekt und der Mensch nur Objekt ist; sie ist dagegen gewendet, daß der Mensch die Mitte bedeuten wolle, wie es damals die Philosophie für das Individuum und die Tyrannis für einen Herrschenden bewirken 532