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Der Morgen · 1935-03-01 · Heft 12 (März 1935) · p. 531

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 12 (März 1935)
Article
Der jüdische Mensch
Date
1935-03-01
Page
531 (sequence 5)
Language
German
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Der jüdische Mensch begriffen wird, ist seine Wirklichkeit und Wahrheit erkannt. Das Eigene und eigentümlich Jüdische ist also nicht, daß die Gottheit zur Einheit, zur Idee geführt worden ist — auch die antike Philosophie ist dazu gelangt, und der heidnische Imperialismus hat dahin geführt. Das Besondere und Unvergleichliche ist hier vielmehr das Theozentrische, diese Einzigkeit Gottes, die Tatsache, daß hier für alles, für jedes Sein und Werden und Gelten, für jede Richtung und jedes Gebot in Gott das eine Zentrum erfaßt worden ist. Vom Standpunkt des einen, einzigen Gottes, vom Standpunkt der Einheit, der Ewigkeit und Unendlichkeit wird hier alles betrachtet, und es ist damit aus seiner sonstigen und bisherigen Stellung herausgehoben. Der neue Sinn und Wert ist allem gegeben. Von Gott gehen die vielen Linien aus, die Linien des Schaffens und Gebietens, so daß nun auch das Geringste bedeutsam wird, wenn es mit ihm verbunden dasteht, und jedwedes, ein Mensch, ein Volk, ein Staat, ein Land, eine Kultur, ungültig und leer wird, sobald es nur für sich sein will. Nur darin, daß es von Gott herkommt, hat ein Wesen seine Autonomie und seine Autochthonie. Dem Juden ist hiermit der erste eigentümliche, und bisweilen befremdende, Zug seines Menschentums gegeben worden: er hat es als eigen zu gewinnen vermocht, von dem einen Gotte aus zu denken, zu wollen und zu hoffen, von ihm aus, auch mit all der Ironie, die daraus klingen kann, zu urteilen und zu schaffen. Alle Zeiten und Gebiete waren durch dieses Theozentrische in eine Gemeinschaft gestellt. Ein jedes hat das, was zu ihm gehört, und auch die Ferne gehört zu ihm; es gibt jetzt nichts Vereinzeltes oder Vereinsamtes, nichts Abgesondertes und Fremdes, nichts Gleichgültiges, Bedeutungsloses und Schweigendes mehr. Und ein jedes weist zugleich über sich hinaus; es hat in seinem Dasein das, was über das bloße Dasein hinausreicht, seinen Sinn und seine Beziehung; es trägt sein Zeichen, das von einem Jenseits zeugt. Alles gewinnt damit eine Distanz, die räumliche und die zeitliche; von dem einen Mittelpunkt her gesehen rückt auch das, was emporragt oder dauert, wie in ein Schattenhaftes hin. Aber alles hat zugleich sein Pathos; jeder Tag, der zum Menschen kommt, spricht Ewigkeit; aller Raum, der ihn umgibt, kündet Unendlichkeit; aller Boden, auf dem er steht, benennt Tiefe. So ist es die weitere Paradoxie im Wesen des Juden, daß sich dieses beides in ihm einen kann: der Sinn für die Verbundenheit, in der alles vernommen wird, und der Sinn für den Abstand, in dem alles zur Ferne weist, so daß ein Pathos der Distanz wie ein Pathos des Urgrunds hier aus der Seele dringt. Dies alles, die Verbundenheit, die Jenseitigkeit, die Distanz, das Pathos, gewinnt aber dann sein Eigenstes, dieses Eigene und Besondere, das es hier eben ist, darin erst, daß im Judentum das Eine immer auch das Fordernde, der Mittelpunkt alles Seins zu- 531

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