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Der Morgen · 1935-03-01 · Heft 12 (März 1935) · p. 530

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 12 (März 1935)
Article
Der jüdische Mensch
Date
1935-03-01
Page
530 (sequence 4)
Language
German
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Leo Baeck dem des Volkes und dem eines jeden in ihm; es wurde ihnen zur Aufgabe und zur Bedingung des Lebens. Es war hier so sehr Bestimmtheit und Bestimmung des großen Ganzen, daß der Einzelne nur dadurch, daß er es zu eigen gewann, sich als den Menschen der Gemeinschaft ausweisen konnte: Nicht ein Ziel, dem Stunden oder Jahre nachstrebten, sondern der Weg, den die Gemeinschaft vor sich erblickte, auf dem allein sie eine Beständigkeit, eine Stetigkeit, eine Tradition besitzen konnte. Nur wenn der Anfang, in dem sie geschaffen war, diese Wundertatsache ihrer Geburt, auch die Wundertatsache ihrer Geschichte blieb, konnte sie gestaltend, schöpferisch sein, so daß sie ihr Leben hatte und nicht eine bloße Existenz, ihre Wirklichkeit und nicht eine bloße Erscheinung, ihr Menschentum und nicht eine bloße Gebundenheit. Erst durch dieses Religiöse ist alles das, was das Land zu geben und die Kolonie dann weiter zu entwickeln vermochte, wirklich und formhaft geworden. Das ganze Eigentümliche dieses jüdischen, dieses religiösen Geistes — und seitdem er in Menschen aufgegangen ist, hat alles Menschliche dadurch einen neuen Sinn gewonnen — ist, daß er allem, was ist, und allem, was sein soll, einen entscheidenden Mittelpunkt aufgezeigt hat. In dem sogenannten Heidentum ist es das Kennzeichnende, daß hier das Denken, Gebieten und Hoffen und in gewissem Sinne auch das Leiden ein geozentrisches ist. Ein Stück Erde bedeutet den Mittelpunkt, sei dieses Stück Erde nun der Acker, das Land, oder sei es die Stadt, der Staat. Von diesem Mittelpunkte her war jedes Meinen und Fordern bestimmt. Er lenkte das Maß der Gedanken und Geschehnisse, der Pflichten und Schicksale. Von ihm aus waren die vielen Linien gezogen nach der Welt droben und nach der Welt ringsumher; der Götter wurden viele und der Menschheiten viele. Von diesem Mittelpunkt her erhielten sie Grad und Würde. Als dann später die Philosophie alles auf den Menschen bezog, das Urteil ein anthropozentrisches wurde, blieb damit doch das Grundsätzliche gleich: das Stück Welt, das der Mensch war, wurde nun der Mittelpunkt. Von ihm gingen die Linien aus zu den Gebieten, den Tagen, den Geschicken; er wurde der Maßstab, und neben das Vergötternde trat wie immer das Anarchische. Das Eigene, das in der Weltgeschichte Neue und Offenbarende, das den Geist Israels geprägt hat, ist, daß hier der eine, ewige Gott der Mittelpunkt wurde, die Bestimmung für alles, für das Seiende wie für das Gebietende. Von ihm gehen die Linien aus, so daß von ihm her alles den Sinn und den Wert empfängt. Alles, Mensch, Staat und Land, Tat und Gesetz, Hoffnung und Gewißheit, hat nur dadurch Bedeutung und Wesen, daß es von diesem Einen her den Bestand und den Weg seines Daseins hat. Nur wenn ein Menschliches, ein Gesellschaftliches, ein Bodenhaftes von Gott aus 530

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