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Der Morgen · 1935-03-01 · Heft 12 (März 1935) · p. 529

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 12 (März 1935)
Article
Der jüdische Mensch
Date
1935-03-01
Page
529 (sequence 3)
Language
German
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Der jüdische Mensch und der Kolonisation. Man versteht die Besonderheit des späteren jüdischen Volkes erst dann, wenn man auch seine kolonialen Kräfte erfaßt, es als ein Volk von Kolonisatoren erkennt. Das, was mit dem Wort Diaspora, Zerstreuung, benannt zu werden pflegt, war in Wirklichkeit ein großer kolonisatorischer Vorgang, wie ihn ähnlich in alter Zeit nur noch die Griechen und später die Engländer besitzen. Alle die Gemeinden rings um das Mittelmeer und dann den großen Strömen und Straßen entlang — schon vorher war durch die dauernde Ansiedelung eines Teils des Volkes in Mesopotamien im Gefolge geschichtlicher Ereignisse ein großes koloniales Gebiet neben das Mutterland gestellt worden — sind die Kolonien Palästinas, die Magna Palästina. In ihnen allen mit all ihrer Mannigfaltigkeit konnten sich seelische Züge gestalten, wie sie dem Kolonialmenschen eigen werden: der starke, lebhafte Akzent, die Beweglichkeit, die Mischung von naivem Wirklichkeitssinn und Romantik, von Bestimmtheit und Sehnsucht, die Verbindung von Verwurzeltheit in dem Lande und Wanderungsfähigkeit, von Treue gegen die neue Heimat und Heimweh. Mit einem eigenen Tone sprach dann, daß diese Menschen nicht, um sich von dem Druck einer geistigen, sozialen oder religiösen Not zu befreien, aus ihrem Volke fortgezogen waren, wie einst griechische Exulanten, wie dann später Puritaner und Refugies. Sie waren als Kinder des Hauses fortgegangen und konnten es umsomehr bleiben, sie konnten Menschen sein, die an ihren neuen Tagen und ihrem neuen Boden festhielten und deren Seele doch zu Vätertagen und zum Väterboden hinzog. Das, was in ihnen einst durch das alte Land hatte geformt werden können, daß sie Menschen innerhalb des Landes waren und doch zugleich Menschen innerhalb der Welt, eigengeschichtlich und weltgeschichtlich, eigenständig und doch universell, daß sie beides hatten und dessen bewußt waren, den Mittelpunkt und den Horizont, all das verstärkte sich in den Kolonialmenschen. Als Palästina dann anderen gehörte und sie Kolonisten ohne ein Mutterland wurden, blieb es ihnen so trotz allem ein Eigentum, so daß dann in unseren Tagen gleichsam Kinder der Kolonie zurückkehren konnten, um auf dem Boden der Vorfahren Kolonisatoren zu werden. Allein dies alles, in seiner Besonderheit und seiner Mannigfaltigkeit, wäre doch nur im Bereiche des Möglichen verblieben, es wäre wohl niemals in die Tiefe der Seele gedrungen und zu ihrer Kraft geworden, wenn nicht schon ganz ursprünglich ein Wesentliches und Eigentliches zu formen begonnen hätte, ein Wesentliches, wodurch alles andere erst bedeutsam und bildend hat werden können. Denn diese Menschen haben als Entscheidendes erfahren, daß an ihnen das Wunder des Anfangs geschah, ein Wunder der Offenbarung, und daß es ihnen zur Geschichte geworden ist. Ein Religiöses ist so zu ihrem Persönlichsten geworden, zu 529

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