Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Der jüdische Mensch
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 528 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Baeck in gleicher Stärke den Menschen. Die Polarität, die Spannung der Kräfte, die auseinandertreten und sich wieder vereinen wollen, ja der Kontrast mußte hier zur Aufgabe werden. Noch mit anderem war sie hier in besonderer Weise gestellt. In diesem Lande, um das die Natur so eng die Grenzen gezogen hat, sind die Gegensätzlichkeiten der Natur. Zonen von Nord und Süd sind hier zur Nähe zusammengeführt; tropische Luft aus der Wüste und von der Senke des Toten Meeres, gemäßigte von der See her und Kälte von den Bergen begegnen einander'fast unmittelbar. Auch damit erfassen Widersprüche und Kontraste das Land und in ihm den Menschen, daß er sie bestehe. Ein Gleiches fordert der Boden von denen, die auf ihm wohnen wollen. Er ist fast überall hart und schwer, in Berg und Steine gefügt, und die Wüste, die vordringen will, greift zudem mancherwärts nach ihm. Aber er ist doch wiederum, wenn ihn die Mühe bezwungen hat und ihn dann stetig erringt, gesegnet. Es ist weder ein Endgültiges und Schicksalhaftes in ihm noch ein Nahes und Schnelles, er will überwunden werden; tägliches Brot bedeutet da täglichen Kampf. Ihn konnte der Mensch hier führen lernen. Dieser Kampf wiederum konnte in dem Lande ein Eigenes entfalten. Zog nämlich hier der Sinn des Menschen die Straßen hinaus, so erfuhr er vielfältig von großen Reichen, die eine Fülle des Volkes leicht umfaßten. Sie lagen ihm vor dem Blick, und sie konnten Größe bezeichnen. Aber sein eigenes Land, die Stätte seines Lebens war in den Grenzen des Kleinen und, durch Gebirge zerteilt, war es den Bewohnern noch kleiner; eine Erstreckung, eine ausgreifende Weite mußte hier ganz anderes bedeuten. Hier war sie ein Fortnehmen des Raumes, „bis daß kein Raum mehr im Lande ist"; hier war sie etwas, wogegen sich der Widerstand des einzelnen Menschen kehren mußte. So hat der Daseinsboden in diesem Lande zum sittlichen Problem werden können, das Nebeneinanderleben zur Frage des Gottesgebotes. Gegen eine Größe, wie sie Assur und Mizrajim zeigten, durfte hier ein anderer Wert, ein anderer Stolz treten, der menschliche Wert und Stolz: gegen die Ausdehnung das Recht eines jeden, gegen den bloßen Besitz die Satzung, die alle bindet. Das Land ward so in das sittliche Gesetz hineinbezogen, der Boden des täglichen Brotes wurde zum Boden des Menschenrechts, so daß er aus einem Gegenstand der Macht zu einer religiösen Aufgabe wurde. Dasein und Pflicht, gleichsam Äußeres und Seelisches konnten hier ihre Einheit beanspruchen. Im Gange der Geschichte hat dann aber der Bereich und mit ihm die seelische Linie dieser Menschen eine weitere Richtung gewonnen. Bergländer wie Palästina setzen dem Räume der wachsenden Generationen die natürliche Grenze, sie müssen viele ihrer Kinder in die Ferne schicken. Sie sind Länder der Auswanderung 528