Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Der jüdische Mensch
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 527 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Baeck / Der jüdische Mensch Als eigentliches Zeugnis und als Lebenserweis eines Volks¬ und Zeitenraumes steht doch der Mensch selbst da, der Mensch nicht durch das vorerst, was er schafft und bereitet, sondern vermöge dessen, was er ist und was er vor sich bedeutet; der Mensch1 nicht als der Einzelne, der über andere hinausragt, sondern als der, in welchem sich die Art aller neben ihm auch darstellt. Dieser Mensch, der gestaltet wurde, ist die größte schöpferische Leistung einer Gemeinschaft und eines geschichtlichen Gebietes. An ihm offenbart sich ihr Stil; ihr Wesen, ihre Lebensrichtung ist an ihm objektive Form geworden. Erst von ihm aus können dann Leistung, Dichtung und Kunst in ihrem Bestimmenden verstanden werden. Insofern tritt auch ein jüdischer Stil, ein Stil des Jüdischen, geschichtlich hervor, ja er ist einer der ausgeprägtesten und stärksten in der Menschheit. Es gibt ihn in seiner Besonderheit, weil es den jüdischen Menschen in seinem Eigentümlichen gibt. Der jüdische Mensch tritt seit zweieinhalb Jahrtausenden vor den geschichtlichen Blick. So manches an ihm hatte schon durch das kleine Land gestaltet werden können, in dem er die Tage seiner Bildsamkeit und seines Wachstums gehabt hatte. Dieses Land hatte menschliche Züge zu formen vermocht. Es ist eng und in seiner Enge noch dazu von der Welt abgetrennt; den Osten und den Süden umfängt ein Wüstengürtel, den Norden riegelt ein Gebirge ab, den Westen die Brandung einer fast hafenlosen Küste. Das Land schließt so in sich die Menschen ein, es behält sie bei sich.. Aber in dieser seiner Begrenztheit zwischen Meer und Berg und Öde hatte es überall, wie kaum sonst eines, hierin von Hellas z. B. unterschieden, die vielen Nachbarn neben sich, die bald bedrängenden, bald beschränkenden; es nötigt die Menschen hierhin und dorthin zu blicken, vom Andersartigen zu wissen. Und noch mehr: es war damals, bei all dieser naturhaften Abgesondertheit, ein Land zwischen Ländern, wie es das heute wieder zu werden scheint. Zwei der alten großen Handelsstraßen durchzogen das Land, die eine vom Nil zum Euphrat hin, die beiden Reiche antiker Zivilisation verbindend, die andere von den phönizischen Häfen zu den arabischen, damit zugleich nach Indien und Afrika hinausführend. Die Ferne und Weite der Welt traten so in das Land ein und ließen ihre Geschehnisse, ihre Kunde und ihre Wunder vernehmen. In sich bleibend, in sich zurückgezogen lenkte so das Land doch auch wieder hinaus; ein Festhalten und ein Hinaustragen, ein Volkhaftes und ein Welthaftes ergriffen und verlangten 527