Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1935)
- Article
- Zur Forderung einer jüdischen Pädagogik
- Date
- 1935-02-01
- Page
- 512 (sequence 2)
- Language
- German
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Fritz Bamberger bestimmen ließe. Das ist nun gewiß nicht so gemeint, daß beides sich ausschließe. Aber die Verbindung zwischen dem, was an individuellem Leistungsvermögen und individuellem Wissensbesitz erreicht werden soll, und dem höchsten umfassenden, tragenden und formenden Bildungsziel kann auch nicht so leicht gedacht werden, wie wieder Goethe im gleichen Werk meint: "In dem einen, was der Mensch recht tut, sieht er das Gleichnis von allem, was recht getan wird." Die pädagogische Situation der jüdischen Schule zu dieser Zeit gibt den Beweis selbst her. Sie weiß zwar sehr genau den Einzelnen zu entschiedener und vorzüglicher Leistung zu erziehen, es gelingt ihr aber oft nicht mehr oder noch nicht, in dieser Einzelleistung das „Allgemeine" der Bildung, zu dem sie hinmöchte, wiederzufinden. In der Praxis wird das Problem dem Lehrer oft in dem Widerstand der Schüler entgegentreten. Manche Themen werden abgelehnt oder uninteressiert mitgemacht, weil sie in den allgemeinen Sinn, den der zu Erziehende seiner Erziehung selbst unterlegt, nicht eingehen. Es ist dabei gewöhnlich so, daß ein solches allgemeines Bildungsideal aus der schwer zu definierenden Atmosphäre des „jüdischen Lebens" in die Schule „mitgebracht" wird. Es wird dort umso stärker wirken, als es z. B. vom Bund (von diesem ja mit dem Anspruch des die Schule mindestens ergänzenden Erziehungspartners) und von dem „jüdischen Leben" mit dem ganzen. Nachdruck der persönlichen Entscheidung aufgestellt wird. Man mißverstehe uns nicht: dies ist ein Beispiel, kein genereller Zustand, der aufgezeigt wird. Es ist auch nicht gemeint, daß nun das neue Bildungsideal (das in einer bereits allzu geläufig gewordenen Vulgärdefinition meist unbestimmt „das jüdische" schlechthin genannt wird) der Schule von außen gegeben werden müßte. Und daß das Neue dann mit dem in der Schule getriebenen Veralteten zusammenstoße. Nichts von all dem; vielmehr: Die jüdische Schule hat sich tatsächlich an einem inhaltlichen allgemeinen Bildungsziel zu orientieren. Es ist nicht definitorisch zu bestimmen, sondern aus einem jüdischen Bildungssystem zu gewinnen. Ein solches Bildungssystem hat an sich durchaus noch keine schulmäßige Form. (Ich zitiere zur Verdeutlichung, und auch sonst in unserem Zusammenhang nicht uninteressant, einen Satz aus dem Buch von Ernst Krieck „Bildungssysteme der Naturvölker", wo für das alte Israel festgestellt wird: „Religion und Bildungssystem fallen im wesentlichen zusammen".) Indem die Schule — und entsprechendes gilt für die anderen Bildungsanstalten — ihr Bildungsziel aus diesem Bildungssystem sich geben läßt, wenn sie weiter den Erziehungsplan im einzelnen danach bestimmt und ihre Methoden entsprechend wählt, so nimmt sie ihre Funktion legitim wahr. 512