Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1935)
- Article
- Brücken zum Deutschtum
- Date
- 1935-02-01
- Page
- 509 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895537-2904653--07735-2904716- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kurt Julius Riegner: Brucken zum Deutschtum Jugend kommen, das Unausgesprochene zu hören vermag, der spürt diese Disharmonie auch dort. Aber Unterschiede bestehen doch, und zwar nach einer anderen Richtung hin. Derjenige Teil der jüdischen Jugend, der die geschichtlichen Mächte des Deutschtums seinem Wesen unlöslich eingefügt weiß, empfindet das deutsche Bildungserlebnis in sich als Verpflichtung und, mehr noch, als Wirklichkeit, die — mag die Nahtstelle zwischen jüdischer und deutscher Bildungswelt noch so schmerzlich spürbar sein — ohne Verlust, ja ohne Unwahrhaftigkeit auch in der Zukunft nicht preisgegeben werden kann. Gibt es aber, so muß die Zeit- und Kernfrage lauten, für jüdische Jugend heute überhaupt ein deutsches Bildungs z i e 1? Deutsche Bildungs arbeit bejaht sie, aus Überzeugung und mit Notwendigkeit. Aber es bleibt das Problem ungelöst, wie diese Arbeit Schritt halten kann mit der Entwicklung des deutschen Welt- und Geschichtsbilds, deren Rhythmus an für Juden unzugänglichen Gesetzlichkeiten orientiert ist. Gibt es also einen Maßstab für jüdische Jugend, wenn sie den Gedanken gegenübertritt, die diese Zeit aufschreibt, vertont, in Stein meißelt — und wo gibt es ihn? Erst in den tiefsten Schächten der Untersuchung findet sich Antwort. Es muß nach dem Menschen gefragt werden, wie er gebildet werden und gebildet sein soll — nach dem Bilde dieses Menschen und nach seiner Formung. Soll eine solche Konzeption zeitlos sein und zeitlose Gültigkeit haben, so muß sie auf den nackten Menschen zustreben, der bar ist jeder bürgerlichen Umhüllung und frei von soziologischer Gebundenheit. Dieser Mensch soll echt sein in Wort und Wesen. Diese grundlegende Forderung bestimmt und muß bestimmen die Haltung, mit der die jüdische Jugend im Einklang mit ihrer jüdischen Neubesinnung auf die Töne lauscht, die aus den Bezirken des Deutschtums kommen. Das neue Deutschland fühlt sich als Vollstrecker eines mehr als tausendjährigen geschichtlichen Wesens und Willens. Wenn wir, als Juden und unserem Schicksal treu, in der steilgewölbten Halle eines dunklen gotischen Domes stehen, rührt uns der Atemzug dieses Wesens an. Läßt es sich ergründen? Wir spüren die gebrochene Vielfalt und vielfältige Gebrochenheit des Deutschtums noch durch die Mauer dessen, das heute trennend aufgerichtet ist, und wir sind ihm zutiefst verbunden, weil wir uns selbst so vielfach darin wiederfinden. Dieses einmalige Weltgefühl des Deutschen kehrt wieder durch alle Fügungen und Wendungen der Geschichte. Es steht in Zusammenhängen, die — oft, nicht immer — gebunden scheinen an die Menschen, die auf dem vielgegliederten, hügelreichen Boden dieses Landes leben. Still und immer sichtbarer in den letzten Jahren hat sich dieser Wesenskern wieder enthüllt, gewandelt freilich durch die Techniken des Lebens dieser Zeit, aber immer noch spürbar als gotisch-steile Entladung 509