Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1935)
- Article
- Brücken zum Deutschtum
- Date
- 1935-02-01
- Page
- 508 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Kurt Julius Riegner: Brucken zum Deutschtum Innerhalb der jüdischen Jugend vollzieht sich zur Zeit eine Art Generationenschichtung. Die älteren unter den jungen Menschen, jene, die die Zwanzig heute überschritten haben, haben noch Goethe gelesen und Dürer geschaut, mit den Augen einer anderen Stunde, weil sie nicht fragen mußten, ob es erlaubt sei. Unter den Jüngeren, die mit der Bibel aufwachsen und denen die Bewegung in der Begrenztheit sqhon allzu vertraut ist, regt sich der Widerspruch gegen eine Bildungswelt, an deren Entwicklung sie nicht mehr unbestritten Anteil haben können. Um sie wachsen unmerklich die Mauern eines unsichtbaren Ghettos, Schreckbild für jene anderen, die aus der Weite kommen. Die Älteren spielen bisweilen Beethoven und suchen Bach und Händel zu ergründen — die Jüngeren zucken die Achseln, ziehen sich zurück, halb bewußt nur und ganz ohne Resignation; aber daß dort echte Worte erlebt und erhalten werden, dafür beginnt das Gefühl sie zu verlassen, das ausschließlich auf ein von Geschichtlichkeit umschlossenes jüdisches Leben gerichtet ist. Das Ghetto wollen sie nicht, um keinen Preis, obwohl sie um die Lockung seines Friedens wissen, und wenn sie an dem Mauerring bauen, der das deutsche Judentum immer höher umzieht, so wissen die Hirne nicht, was die Hände tun. Aber, so fragten sie schon vor Jahresfrist, hört ein Ghetto auf, Ghetto zu sein, weil man die deutschen Klassiker mit hineinnimmt? Können wir dem entgehen? Diese Jüngeren, selbst noch im Werden befangen und in der Ordnung einstürmenden Erlebens, haben ein starkes Gefühl für das Werdende, Bewegte und Bewegende im deutschen Raum um sie her. Und sie fürchten sich vor der behaglichen Sicherheit dessen, der zu besitzen glaubt, was ihm längst entglitt. Ihre bündische Entschiedenheit ist viel zu groß, als daß sie ein kulturelles Scheindasein dulden und führen könnten, wo sie das gesellschaftliche bekämpfen. Darum wenden sie sich oft vorschnell zu Rückzug und angstvollem Verzicht, weil sie ein bloß konserviertes Deutschtum mit seiner fortschreitenden Wirklichkeit geistig nicht in Einklang zu bringen vermögen. Dieser Gegensatz durchbricht alle weltanschaulichen Fronten und ist seiner Struktur nach überall dort angelegt, wo ein bewußt gewordenes deutsches Bildungserlebnis jüdischer Besinnung gegenübersteht. Wer zwischen den Worten, die von der zionistischen 508