Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1935)
- Article
- Religiöse Jugenderziehung
- Date
- 1935-02-01
- Page
- 503 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895537-2904651--07726-2904710- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ludwig Marx: Einem Dichter Du Name, klingend wie ein sanftes Lied, gesungen nächtlich unter Blütenbäumen, du Seele, heiß vom Göttlichen durchglüht, von allen großen, heiligen Menschheitsträumen, du Sehergeist, an deinen Griechenstrand auf Götterhänden selig weggetragen, du Wegbereiter in ein neues Land, wo nur der Schönheit hohe Tempel ragen, du zartes Reh, verwundet und umstellt, in tiefer, dunkler Einsamkeit verendet — Das ist von je die tragische Schuld der Welt: Zerbrechen muß an ihr, was sich vollendet. Solchen Erscheinungen gegenüber wird die Erhellung tieferer Religiosität zur unabweisbaren Erziehungspflicht. Bei jenen atheistischen Jugendlichen aber, die sich eines Tages zum größeren Teil in die palästinensische Arbeiterschaft eingliedern werden, könnte man ernstlich fragen: warum soll man die radikale Beschränkung auf die Immanenz nicht auf sich beruhen lassen? Denn hier deckt sich doch scheinbar Lebenswirklichkeit und Ideologie. Oder praktisch pädagogisch gewendet: habe ich die Pflicht und das Recht, ich als bündischer Führer beispielsweise, die Jungen oder Mädel meiner Gruppe vor religiöse Fragen zu stellen? Oft bekommt man von jungen Menschen zu hören: ihr in eurer Bürgerlichkeit habt gut von religiöser Form reden, vv i r können keine Berachah mehr sagen. Dem Ernst solcher Antworten wird heute noch viel zu häufig ausgewichen. Woher also nehmen wir das Recht, hier noch von Religion zu sprechen? Man kann hierauf nur dann eine Antwort wagen, wenn man die ganze, vor allem auch wirtschaftliche Lebenslage dieser Jugendlichen einbezieht. Aber das vielleicht tiefste menschliche Erlebnis, hineingeworfen zu sein in diese Welt aus dem Nichtwißbaren und zu einem nichtwißbaren Zweck: das zwingt auch den Areligiösen vor die Fragen der Religion. Um solcher, dem nicht oberflächlichen Menschen unausweichlicher Erlebnisse und um der Vertiefung unseres Daseins willen dürfen wir auf die Auseinandersetzung mit dem Religiösen und auf religiöse Erziehung um keinen Preis verzichten. Von solchem Existenzerlebnis bis zur jüdischen Formung religiöser Substanz führt ein weiter Weg, der nicht Gegenstand dieser Erörterungen ist. Ich habe deshalb vom Grundsätzlichen ge- 503