Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1935)
- Article
- Religiöse Jugenderziehung
- Date
- 1935-02-01
- Page
- 502 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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KurtBergei: Religiöse Jugenderziehung » Wenn ich spreche: ich will vergessen mein Gräbeln, will ablegen meinen Unmut und midi erheitern: So bangt mir doch vor all meinen Leiden, ich weiß, du würdest midi nicht ungequält lassen." Hiob 9, 27—28 I. Das Problem Religiöse Jugenderziehung soll hier nicht als die Frage einer pädagogischen Methodik aus dem Geiste einer geschlossenen jüdischen Weltanschauung behandelt werden; ihre erste drängende Problematik ist vielmehr die jener Jugendlichen, denen Sinn und Wert der Religion überhaupt fraglich geworden ist. Man darf sich weder über die Macht des Atheismus täuschen, der in der chaluzischen Jugend sogar im Wachsen begriffen ist, noch die geschichtlichen Grundlagen dieser Atheisierung übersehen, wie sie für Palästina Hugo Bergmann im Novemberheft 1934 des „Morgen" dargestellt hat. Gerade wertvollere Menschen unter diesen Jugendlichen werden in ihrem Verzicht auf Religion nur noch bestärkt, wenn sie beobachten, wie gewisse Kreise des assimilierten mittleren und Kleinbürgertums auf ihre wirtschaftlich-kulturelle Ausgliederung „religiös" reagieren, nämlich in einer oft so schiefen Weise, daß die religiöse Substanz dadurch stärker bedroht wird als durch den Atheismus. Auf die Erschütterung ihrer politischen und wirtschaftlichen Existenz, auf die Ausschaltung aus dem Beruf, auf das Zwangserlebnis der Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft wird unvermittelt „religiös" geantwortet. Religiöses Leben darf aber nur und ausschließlich Ausdruck einer religiösen Erfahrung sein. Ein echter religiöser Gehalt ist es zwar, wenn die jähe Erfahrung der politisch-sozialen Unsicherheit zum unmittelbaren Erlebnis der menschlichen Unsicherheit schlechthin, des Preisgegebenseins vor Gott wird. Aber niemals darf Religiosität zur Verhüllung der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Realität dienen. Daß jene Menschen den Weg ins Judentum zurück beschreiten, wollen wir begrüßen; daß sie in der jüdischen Gemeinschaft einen Schutz suchen, ist verständlich genug; aber daß sie so ins Religiöse hineingleiten, „weil es doch nun einmal zum Judentum gehört", das kann nur die religiöse Mächtigkeit des Judentums noch stärker untergraben. 502