Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1935)
- Article
- Zur Programmatik der jüdischen Erwachsenenbildung
- Date
- 1935-02-01
- Page
- 500 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Paul Eppstein Unsere jüdische Bildung ist in ihrer Programmatik situationsbedingt und zugleich situationsunabhängig. Sie ist situationsbedingt durch die Erlebnis- und Schicksalsgemeinschaft der Lernenden und durch ihre Aufgabe, zur Bewährung eben in dieser Zeit beizutragen. Sie ist situationsunabhängig in ihrem Lehrgut — der hebräischen Sprache, der Bibel, der jüdischen Geschichte und Gegenwartskunde, das in seiner, obwohl auch historischen, Gestalt überzeitliche Geltung liat. Menschen dieser jüdischen Situation begegnen dem jeder Situation gegenüber geltenden Lehrgut. So ist auch für die jüdische Gemeinschaft von entscheidender Bedeutung, welche Schichten, welche Personen diese Konfrontation, diese altneue Durchdringung und Vertiefung erfaßt, wer sich aufgerufen fühlt durch diese Bildungsarbeit und wer den Weg eigenster Verwirklichung geht. Die Lehrenden dürfen daher nicht Spezialisten sein und die Lehrfächer nicht in sich abgeschlossene Fakultäten. Der Lehrende selbst muß ganz und wie der Lernende auf die Ganzheit der jüdischen Lebenswirklichkeit gerichtet sein. ImPrimatdesJüdischenist das Lehrhaus allem Denken und Schaffen, allen Regungen und allem Wollen unserer jüdischen Innenwelt offen. Daraus wächst uns Entscheidung und Halt zu. Von da aus öffnet sich wieder der rechtmäßige Zugang zu unserer deutschen Umwelt und zu den großen Werken der M-enschheit, die uns in unserer Enge nicht verloren gehen können. Im Lehrhaus ist also neben dem zentralen jüdischen Lehrgut Raum für das allgemeine Bildungsgut gelassen. Aber es zeigt sich praktisch, daß das innere Bedürfnis nach der jüdischen Substanz stärker ist als der Wunsch nach allgemeiner Bildung. Dieser Erfahrung wird auch didaktisch zu entsprechen sein. Zwar ist die Trennung von allgemeiner und judaistischer Bildung aufgehoben. Zwar wird im Lehrhaus ein Kosmos des Wissens anzustreben sein. Aber das jüdische Le'hrgut hat entscheidend im Mittelpunkt zu stehen, damit es in systematischer Lehrfolge lebendig werde. Hier ist der Raum für die schöpferische Chance dieser Bildungsarbeit, für die Begegnung von Menschen verschiedener Ausrichtung, für ihre Auseinandersetzung und für die Verwirklichung der im Lehrgut angelegten Einsicht in das jüdische Schicksal und seine Gestaltung. Aller Pragmatismus, alles Zweckwissen ist demgegenüber teilhaft. Alle Umschau, aller Blick in die Zeit ist dagegen Kenntnisnahme, nicht Teilhabe am Ganzen, wie es das jüdische Lehrgut erfordert. Deshalb ist auch für die Lernenden eine Form zu finden, die anstelle der Auswahl aus dem Lehrplan nach „Belieben" den Abbau des Sonderinteresses, die Einfuhrung einer Lehrordnung in 500