Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1935)
- Article
- Zur Programmatik der jüdischen Erwachsenenbildung
- Date
- 1935-02-01
- Page
- 499 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Programmatik der jüdischen Erwachsenenbildung schichten. Er hat in dieser Sonderung das gemeinsame jüdische Schicksal aufzuspüren, das Generationen, Berufsgruppen und Organisationen in eins setzt. So wächst in voller Konkretheit des jeweiligen Betroffenseins eine in ihrem personellen Fundament organisch verbundene Lerngemeinschaft. Sie muß der Kern des Lehrhauses sein. Mit der Organisierung eines atomisierten unpersönlichen Publikums ist wenig getan. Es kommt alles auf diesen propädeutischen Weg vom Publikum zur Lerngemeinschaft an. Denn dabei spielt keinerlei Feudalismus eine Rolle, weder Besitz noch Bildung, noch Beziehung, noch Erfolg. Sich wieder in die Situation des Anfangs zu begeben, macht die Überwindung der Sonderungen, die Gleichordnung der Lernenden aus. Allerdings bedarf es dazu des Durchbruchs durch eine Geltungsmacht, durch ein Prestige, das vor dem entscheidenden Erlebnis von 1933 von einer Art Leistungs- und Besitzfeudalismus hervorgebracht worden war. Dieser Durchbruch ist kein Resignieren. Er ist viel mehr: Mut zum Schicksal und zu seiner Bewältigung. Manche haben dazu noch nicht ihre Zeit gefunden. Sie sind in ihrem Weltbild und in ihrer persönlichen Lebensweise in eine unerhörte Unordnung geraten. Ihr Zusammenbruch ist total. Sie machen, verzweifelt und mit dem Trotz der Enttäuschung, aus der Unordnung ein System und leben in den Tag. Ihr Ethos ist zerbrochen. Die körperliche vitale Wirklichkeit bestimmt ihr Handeln. Sie, zumeist ehemals sogenannte Gebildete, sagen der Bildung ab, aus Grundsatz oder Lebensnotdurft. Für sie ist der Durchbruch am schwersten. Viele stehen noch vor diesem Durchbruch, obwohl sie schon den Weg ins Lehrhaus gefunden haben. Sie suchen Anschluß, der ihnen verloren ging. Sie suchen, in einem durchaus echten Anfang der Umkehr, Gesellschaft im jüdischen Lebenskreis. Sie sind aufgeschlossen, aufnahmebereit, aber noch zu sehr Anfangende, um mehr zu suchen als Einführung. Sie kommen in der Regel von außen, z. B. von der allgemeinen Volkshochschule zum Lehrhaus, ebenso sehr aus innerem Bedürfnis wie aus äußerem Anlaß, sich einen Ersatz für die Freizeitgewohnheit des Weiterlernens zu schaffen. Ihnen soll — von allen dazwischen liegenden Schattierungen sei abgesehen — der propädeutische Weg den Durohbruch finden helfen zur jüdischen Gemeinschaft, wo gefügte Ordnung sie einfügt, wo Lehre und Lernen sie eint in der Kraft, im jüdischen Schicksal in diesen unseren Tagen zu leben; wo ihnen der besondere Sinn des jüdischen Lernens jenseits aller Situationsbedingtheit eingeht und wo sie, bisher nach außen gewendete Besitzbürger oder gesellschaftliche Funktionäre, zu ihrer jüdischen Ausschließlichkeit hin- und von dort den Blick zur Welt zurückfinden werden. ♦ 499