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Der Morgen · 1935-02-01 · Heft 11 (Februar 1935) · p. 496

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 11 (Februar 1935)
Article
Grenzen der Kulturautonomie
Date
1935-02-01
Page
496 (sequence 5)
Language
German
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Fritz Friedlaender: Grenzen der Kulturautonomie an sich trägt, müssen wir wiederum die Polyphonie unserer Tradition der Bildungsfaktoren bejahen, und innerhalb dieser Polyphonie insbesondere die Spannung von Deutschtum und Judentum. Soll jüdische Bildungsarbeit in Deutschland Früchte tragen, so ist es unerläßlich, daß wir — um einen schönen Ausdruck Jean Pauls zu verwenden — in der Polarität von Deutschtum und Judentum die „Beidlebigkeit" erhalten. Wie soll dies geschehen? Hier möchten wir, an einen Grundbegriff Martin Bubers anknüpfend, einer Pädagogik des „Dialogischen" das Wort reden: der Dialog, das ist die produktive „Zwiesprache" zweier Wesen, in unserem Falle Wechselwirkung, Inbeziehungsetzung von Judentum und Umwelt. Die dialogische Pädagogik muß, mit einem zweiten Begriff der Buberschen Erziehungslehre, eine „vitale Konfrontation" der jüdischen mit den außerjüdischen Kulturinhalten erstreben. Es liegt in dieser Richtung bereits ein bemerkenswerter Versuch vor: das ist ein Lehrplan für den Geschichtsunterricht, der an der Mittelschule der Berliner Jüdischen Gemeinde in Kraft gesetzt worden ist. Hier ist unseres Wissens zum erstenmal der bisher getrennte Unterricht in allgemeiner (speziell deutscher) und jüdischer Geschichte dadurch zu einem Fache vereinigt worden, daß unter dem Gesichtspunkt der Gleichzeitigkeit— der inneren Zugehörigkeit zu ein und derselben Epoche — sowohl der allgemeine als auch der jüdische Geschichtsstoff ausgewählt wurde. Gewiß können auch hierbei Bedenken angemeldet werden: für denjenigen, der in der jüdischen Geschichte die Realisierung einer religiös-metaphysischen Idee erblickt, besteht die Gefahr, daß durch die gleichzeitige Behandlung mit der allgemeinen Geschichte sich die Essenz der jüdischen verflüchtigt; anderseits ist eine zu weitgehende Unterstellung der allgemeinen Geschichte unter die jüdische zu befürchten, ganz abgesehen davon, daß in dem Lehrplan der Stoff der allgemeinen zu sehr zugunsten der jüdischen Geschichte verkürzt worden ist. Trotz dieser naheliegenden Einwände muß man gestehen, daß der Geschichtslehrplan, der gerade durch seine Ineinanderschaltung den Charakter der jüdischen Diaspora-Geschichte plastisch verdeutlicht, einen aussichtsvollen Ansatz zu einer „vitalen Konfrontation" der jüdischen mit der nichtjüdischen Geschichtsüberlieferung desselben Kulturkreises — des mittelmeerisch-europäischen — darstellt. Er kann ebenfalls dazu beitragen, das Phantom einer autonomen jüdischen Bildung ad absurdum zu führen. Im Dienste der dialogischen Pädagogik scheint uns die Arbeit zu stehen, die die von Martin Bub er geleitete Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung verrichtet. Und dies ist gut so; denn eine bedeutungsvolle Veränderung hat der allgemeinen deutschen Pädagogik einen unverkennbaren Vorsprung verschafft. Während 496

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