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Der Morgen · 1935-02-01 · Heft 11 (Februar 1935) · p. 495

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 11 (Februar 1935)
Article
Grenzen der Kulturautonomie
Date
1935-02-01
Page
495 (sequence 4)
Language
German
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. Grenzen der Kulturautonomie das Germanentum. Mithin: der vordere Orient, der Mittelmeerkreis und der faustische Norden. Muß nicht aber der Erweis einer solchen Kulturverflochtenheit jeden Versuch, die jüdische Erziehung aus der Geschichtsververbundenheit mit der hamitisch-semitisch-japhetitischen Kulturtradition herauszulösen und sie auf den von „Fremdkörpern" befreiten jüdischen Sektor zu beschränken, von vornherein zur Unfruchtbarkeit verdammen? Eine der fruchtbarsten Vorstellungen, um die Freud und C. G. Jung die geisteswissenschaftliche Psychologie bereichert haben, ist in dem Nachweis enthalten, daß unser Unbewußtes Anteil an der historischen Entwicklung der Völker hat. In gleicher Weise sagt Oswald Spengler: „In jedem von uns erwacht das Innenleben — in jenem entscheidenden Moment, von dem an man weiß, daß man ein Ich hat — dort, wo einst die Seele der ganzen Kultur erwachte. Jeder von uns Menschen des Abendlandes erlebt als Kind seine Gotik, seine Dome, Ritterburgen und Heldensagen, das „Dieu le veut" der Kreuzzüge in wachen Träumen und Kinderspielen noch einmal." Auch wir deutschen Juden sind Menschen des Abendlandes! Ebenso wie die christliche Umwelt und Mitwelt hat unser Unbewußtes Anteil am Erbe des Kontinentes, von dem aus die weiße Rasse den Weg zur Weltherrschaft antrat. Denn unsere Ahnen haben das Vermächtnis Sems dem faustischen Norden, dem Abendland übermittelt. Israel war Mitgestalter der abendländischen Welt. Hinüber und herüber schießen im Völkerleben die Fäden schöpferischer Assimilationen: wie der Orient in die Antike den dionysischen Mysterienglauben1), wie der semitische Arabismus ins europäische Mittelalter den Minnesang2) hineintrug, wie die Antike in der Renaissance wieder auflebte, so hat Israel die Bibel als das Pfand des Orients dem Okzident geliehen. Ohne Israel wäre daher der Aufbau der gegenwärtigen okzidentalen Kultur nicht denkbar; anderseits wäre die kulturelle Existenz der westeuropäischen und insbesondere der deutschen Juden ohne die Existenz der abendländischen Kultur nicht möglich. Wir müssen — auch auf dem Gebiet des Bildungswesens — den Mut zur Wirklichkeit zurückgewinnen: im Gegensatz zu dem monotonen Phantom einer eigenständigen oder „geschlossenen" Bildung, das in seiner Anwendung auf das deutsche Judentum dieser Zeit zu deutlich den Stempel des Ressentiments und des Trotzes!) Vergl. Erwin Rohde „Psyche. Seelenkult und Unsterblichkeitsglaube der Griechen." 2) Das ist das Ergebnis der Forschung Konrad Burdachs. 495

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