Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1935)
- Article
- Grenzen der Kulturautonomie
- Date
- 1935-02-01
- Page
- 494 (sequence 3)
- Language
- German
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Fritz Friedlaender haupt möglich? Und ist sie fÜT das heutige deutsche Judentum möglich? Um dies beantworten zu können, tut es not, uns auf die Grundlagen der weltanschaulich-kulturellen Position der deutschen Juden zurückzubesinnen. Bei der Semestereröffnung des Berliner Jüdischen Lehrhauses hielt Leo Baeck einen Vortrag über „Geschichte und Gegenwart", der für die kulturelle Weiterarbeit der deutschen Juden richtungweisend war. Nur zwei uralte Kulturen, so führte er aus, sind als Grundlage für den großen mittelmeerisch-europäischen Kulturkreis verbürgt, die Kulturen zweier Stromländer: Ägypten am Nil und Mesopotamien am Euphrat und Tigris. Was diese Völker an Mathematik, Astronomie* Menschenkunde, Plastik, sakraler Darstellung geschaffen haben, die Ägypter als Nachkommen Harns, die Babylonier und Assyrer als Nachkommen Sems, das wurde von den Griechen, den Nachkommen Japhets, fortgeführt. Aus der Vergangenheit dieser Kinder Hams, Sems und Japhets erwuchs die Gegenwart Europas. Jeder Europäer ist ein Kind der hamitischsemitischen Kulturvergangenheit, die durch Griechenland umgeformt wurde. Von ganz anderen Voraussetzungen her ist der protestantische Denker Ernst Troeltsch in seinem letzten Werke („Der Historismus und seine Probleme", 1922) zu einem ähnlich gerichteten Ergebnis gelangt. Im einzelnen weicht er freilich von Baecks Analyse der Kulturbasis ab: bei den vier Grundgewalten, die er unterscheidet, nennt zwar auch er zuerst den Geist des vorderen Orients; aber einschränkend bemerkt er: „Nur ein Element dieses Orients kommt allerdings auch für uns noch in Betracht, der hebräische Prophetismus und die hebräische Bibel." Das übrige gibt er preis. Als zweite Grundgewalt nennt Troeltsch das klassische Griechentum, d. h. das Griechentum der Polis^ in das mit den homerischen Gedichten noch aus der griechischen Ritterzeit ein der Bibel vergleichbares Elementarbuch naiver Phantasie und einfach menschlicher Helden- und Familienethik hineinragt. An dritter Stelle steht die Welt des antiken Imperialismus; an vierter, jenseits der großen Zäsur zwischen Antike und Moderne, das abendländische Mittelalter, das erst von der Kirche, von Byzanz, von den Arabern zur Kultur erzogen worden ist. „Diese vier Urgewalten", meint Troeltsch, „sind es, die als die tragenden Grundpfeiler und als die fortzeugenden Kräfte noch die moderne Welt tragen und durchwirken und mit deren Eigenem sich unübersehbar kreuzen und vermischen". Der jüdische und der protestantische Denker begegnen sich auf der Ebene der goetheschen Formel: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen. Die Grundmächte der deutschen Kultur bleiben das klassische Altertum, das Christentum und 494