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Der Morgen · 1935-02-01 · Heft 11 (Februar 1935) · p. 493

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 11 (Februar 1935)
Article
Grenzen der Kulturautonomie
Date
1935-02-01
Page
493 (sequence 2)
Language
German
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Fritz Friedlaender: Grenzen der Kulturautonomie nomie aus? Waren sie sich darüber im klaren, daß der Vorschlag Kriecks mit der auch staatlichereeits befürworteten Forderung einer „Dissimilation", d.h. einer Ab- und Loslösung des deutschen Judentums vom Deutschtum, übereinstimmte? Wenn wir die Antwort, die die deutschen Juden auf die aufgeworfenen Fragen erteilten, auf ihren Gehalt und ihre Richtigkeit hin prüfen wollen, so lassen wir bewußt die politische Komponente der Dissimilationspolitik hier unerörtert, denn nur die kulturelle Komponente an dieser Stelle zu untersuchen, ist unsere Aufgabe und Absicht. Die Antwort, die die deutschen Juden gaben, konnte naturgemäß nicht einheitlich sein. Während der offizielle Zionismus sein Bekenntnis zwar negativ, aber doch schlechthin allgemeingültig dahin ablegte („Jüdische Rundschau" Nr. 48/1933): „Keine jüdische Gruppe hat die Forderung gestellt, die Juden mögen dem Deutschtum die Treue aufkündigen", so scheint uns seither eine Entwicklung eingetreten zu sein, die diese weitgehende Behauptung nicht mehr rechtfertigt. Ihr widerspricht die gesamte Geisteshaltung der Staatszionistischen Organisation (Vereinigte Revisionisten Deutschlands), die ihre jugendlichen Anhänger in ausschließlicher Blickrichtung auf einen vorläufig noch imaginären Judenstaat beiderseits des Jordans erzieht, ohne auch nur annäherungsweise der vom Schicksal diktierten Tatsache Rechnung zu tragen, daß ein großer Teil der heranwachsenden jüdischen Generation in Deutschland ihr Leben und damit auch ihr kulturelles Dasein gestalten muß. Soweit freilich die Forderung nach einer Kulturautonomie im Stile einer hundertprozentigen „Jüdischkeit" auf den Verlautbarungen der undisziplinierten Instinkte unerfahrener Jugendlicher beruht, soweit sie der Sehnsucht nach einer „monistischen" Struktur der Bildungselemente und -werte entspringt, einer Sehnsucht, die man sowohl naiv als auch primitiv nennen möchte, kann sie außer Betracht bleiben. Bedenklicher muß es uns schon stimmen, wenn in einer Frage von grundsätzlicher Wichtigkeit wie etwa der Gestaltung des Deutschunterrichts in der jüdischen Schule eine gewisse Bereitwilligkeit hervortritt, dem Vorschlage Kriecks zu entsprechen. So forderte beispielsweise kürzlich in einer auf diesen Problemkreis bezüglichen Aussprache der Vertreter einer jüdischen Schule, daß das deutsche Kulturgut — deutsche Dichtung, deutsche Kunst, deutsche Geschichte und deutsches Denken — zugunsten des ausschließlich jüdischen Kulturguts in den Hintergrund zu treten habe, wenn es nicht gar aufgegeben werden müsse. Hat diese Stimme, die zweifellos für viele Gleichdenkende sprach, recht? Wird es möglich, wird es ersprießlich und richtig sein, die Schüler auf der Ebene einer derartig absoluten und ausschließlichen Zentrierung der Bildung auf das Jüdische zu erziehen? Ist ein so gewaltsam vereinheitlichtes, von der Außenwelt losgelöstes, auf „splendid isolation" abgestimmtes Bildungssystem, ist eine derartig „geschlossene Bildimg" über- 493

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