Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1935)
- Article
- Ewige Aufgabe
- Date
- 1935-02-01
- Page
- 478 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ewige Aufgabe mal unter eine solche, die es als triebfreundlich, als triebgetragen, eben als irrational begreift: das von der Vorherrschaft der Ratio befreite Instinkt-Ich beugt sich dem Mythos der Artgemeinschaft. Auf diesem — nicht in Raum und Zeit, sondern psychogenetisch zu verstehenden — Wege des Individuums droht ein bedenkliches Absinken der Bewertung des Geistes. Denn die Maßstäbe, deren man sich endgültig entledigt hat, ohne sie durch neue zu ersetzen, sind gerade diejenigen, die die geistigen Kräfte anzogen und formten, auslösten und banden. Die neue Ordnung ordnet vor allem das Sein, sie ordnet den Willen, sie ordnet Haltung und Tun; aber ihre Versuche, die Kräfte der Ratio zu ordnen, müssen sich in den Grenzen bewegen, die durch ihre Stellung der Ratio gegenüber überhaupt gezogen sind. Hier wird die Situation sichtbar, die zur Fragwürdigkeit der Bildung.in unserer Zeit führen mußte. Bildung war in der Zeit der Persößlit ^eitskultur der Weg schlechthin. Sie mußte als solcher mit dem Ziele vergehen. Und auch, wo sie uns heute im Dienste des neuen Zieles wieder entgegentritt, trägt sie das Gepräge der Zweckbestimmung,"" der Begrenztheit so deutlich an sich, daß von den Strahlen der Begeisterung, die sie einst zu entfachen vermochte, kein Schimmer mehr zu sehen ist. Das deutsche Judentum, im Guten wie im Verhängnisvollen eingetan in den geistesgeschichtlichen Ablauf seiner Umwelt, bekommt auch diese Bildungskrise zu spüren. Ja, es erlebt sie mit so gleichartiger Fragestellung, mit so gleichartigen Fluchterscheinungen und Überwindungsvorschlägen, daß die Parallelität erstaunen macht. Und wie so oft, erweisen sich gerade die Gruppen als am unlösbarsten in die Entwicklungsgesetze der Umwelt gebannt, die sich ihnen — sei es räumlich, sei es geistig — am energischsten zu entziehen trachten. Aber im Judentum trägt diese Krise ein entscheidend anderes Gesicht. Gerade im Zeichen ihrer Erschütterung zeigt sich deutlicher als irgendwo, daß es dem Judentum verwehrt ist, an Formungen und Umformungen teilzuhaben, bevor es sie nach dem Maße seines eigenen Wesens gerichtet hat Der Bildungsbegriff konnte im westeuropäischen Raum Wandlungen, Relativierungen, Aufstieg und Niederlage erfahren — im Judentum kommt ihm überzeitliche Gültigkeit zu. Die Legitimität eines wissensmäßigen Zusammenhanges mit den überkommenen Grundlagen der Gemeinschaft mußte dort schlechthin unerschütterlich sein, wo diese geistigen Grundlagen durch den Fortfall vieler 478