Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1935)
- Article
- Ewige Aufgabe
- Date
- 1935-02-01
- Page
- 477 (sequence 1)
- Language
- German
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DER MORGEN / MONATSSCHRIFT DER DEUTSCHEN JUDEN BEGRÜNDET VON PROFESSOR DR. JULIUS GOLDSTEIN, DARMSTADT 10. JAHRGANG FEBRUAR 1935 HEFT 11 Ewige Aufgabe Wir erleben in dieser Zeit den Aufstand des Ichs gegen seine eigene, vom Humanismus geformte überpersönliche Idee. Das große Kräftespiel zwischen Trieb und Ratio, dessen Phasen und jeweilige gesellschaftliche Schauplätze den Ablauf der Menschheitskulturen bezeichnen, steht wieder einmal im Zeichen einer Entscheidung. Die Szene, auf der die letzte Epoche der Auseinandersetzung ausgetragen wurde, die aus mündig gewordenen Individuen zusammengesetzte Masse des 19. Jahrhunderts, wurde selbst zum Tribunal: sie sprach durch ihre eigene Beschaffenheit das Urteil gegen eine Macht, die sich immer nur in wenigen manifestiert und deren Schicksal es ist, im Kampfe um die vielen zu unterliegen. Die in der allgemeinen Vermassung der modernen Gesellschaft zu gemeinsamer Wirksamkeit gelangten Urkräfte der Menschen spürten ihre Verwandtschaft und lehnten sich auf gegen eine Idee, die sie als ihren Widersacher empfanden. Das Instinkt-Ich rebellierte gegen das von der Vernunft gesetzte und der Vernunft ergebene Über-Ich der humanistischen Persönlichkeitskultur. Aber es ist eine Rebellion, die nicht die Freiheit will. Zwar wehren sich Gefühle und Willensimpulse, zwar wehrt sich all das Dunkle, Unbestimmte, das man das Irrationale nennt, gegen eine Bändigung, die es als Vergewaltigung empfindet, aber es sucht Befreiung nur um einer neuen Bindung willen. Es erstrebt neue Unterordnung unter eine überpersönliche Macht, jedoch dies- 477