Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 472 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895526-2895536-2904571--07679-2904634- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Ich sah dich lang Ich war die Hand Ich hielt das Licht — Chi sahst mich nicht" diese ergreifend schlichte Antwort, in der sein ganzes bisheriges Leben durchsichtig wird für das Eine, das zu allen Zeiten schweigend hinter seiner Vielfalt brannte, welche vollkommenere Gewähr der Versöhnung zwischen seinem Einst und seinem Jetzt könnten wir empfangen? Mit diesem Wort scheint die ganze tiefe menschliche Problematik dieser Dichtung gelöst. Aber der Gesang bleibt ja dabei nicht stehen: er hebt sich über alles bloße persönliche Bekenntnis hinaus. „Denkt nicht zurück, Was war, verdorrt, Ein einziger Hort Ist euch gereift, Der Hort heißt: Dort!" Wir stehen mitten in der Verkündung. Jedes der hier gesprochenen Worte trifft in Verwerfung und Verheißung auf diese Stunde unserer erneuten Wüstenwanderung auf. — Und wenn die Stimme gleich am Anfang dem Dichter zuruft: „Aus deiner Seele schäl ich dich Aus taubem Geröll und Moder, Wider dich selber wähl ich dich Läutre dich im Geloder!", wem käme nicht die Erinnerung an die Propheten des Alten Testaments, die wider ihren Willen erwählt wurden, von Gott zu zeugen? Aber gerade diese Erinnerung, dieser Vergleich stellt uns mit einem Schlag vor die Frage nach der Wahrheitsebene dieser wunderbaren Erscheinung. Wir dürfen die Dinge nicht verrücken, das Wunder nicht von seinem Ort rücken. Denn nur so zeigt es sich uns in der Tiefe und Wirklichkeit seines Geheimnisses. Was hier vorliegt, ist nicht Prophetie, es ist Dichtung. Prophetische Dichtung ganz gewiß, aber doch auch Dichtung in einem allerreinsten Sinne: mit der ganzen Größe und der ganzen Problematik des rein in sich ruhenden Wortes. Gewiß: auch der Dichter sträubt sich gegen die Stimme Gottes, wie es die Propheten getan haben. Aber er tut es aus einem anderen Grund und in einem anderen Sinn. Die Propheten weichen zurück vor dem Übermaß der Verantwortung, die mit dem lebendigen Einsatz ihrer Person in Tat und Wahrheit auf sie gelegt ist. Der Dichter weicht zurück vor der Fremdheit des Wortes, vor der Kluft, die es zwischen den Welten aufreißt, denen beiden er angehört. Er, der bisher einer ganz anderen Göttlichkeit Angeschlossene, erschrickt vor der Stimme des Einen, die, sein ganzes bisheriges Leben wie einen farbigen Nebel zerreißend, in leuchtender Sieghaftigkeit durch es hindurchbricht, vor der er stillhalten muß, angstvoll stillhalten muß: reines Sprachrohr dessen, der ihn, unbekümmert um ihn selbst und alles Seine, zu Seiner Verlautbarung erwählt hat. In diesem fraglosen Durch-ihn-hindurch ruht die tiefe tragische Problematik des Dichters; in ihr ruht aber auch die Größe der Dichtung. Und diese Lieder werden noch durch die jüdische Welt klingen, wenn ihr Ursprung längst vergessen sein wird: sie werden als ein Stück gesungener Wahrheit unseres Volkes in die Geschichte eingehen. Das aber danken wir gerade der ehrfürchtigen Stille, mit der der Dich- 472