Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 473 (sequence 3)
- Language
- German
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ter sich zum Sprachrohr gemacht hat, der reinen Hingabe, mit der er der Stimme gelauscht hat. Aus welcher Daseinsschicht immer dies Geheimnis, diese Wiedergeburt jüdischen Daseins aufstieg, ob aus Vergangenheit oder Ewigkeit — und vielleicht ist hier beides nicht getrennt —: die Dichtung in sich selbst ist gerade dadurch, daß der Dichter hinter ihr versinkt, über alle Tragik und Problematik hinaus. Denn daß die Stimme spricht, daß in dieser Weltstunde, in der der Name Gottes von jenem geheimnisvollen Schweigen umhüllt ist, in dem wir ihn in allem Heutigen erleben, plötzlich ein von Gott klar Eingesagtes, von Ihm unverwechselbar Ausgesagtes erklingen konnte, daß Gott, um in diesem Schicksalsaugenblick seinem Volk ein Äußerstes zu künden, sich diesen großen Dichter deutscher Zunge erwählt hat: ihn, der am reinsten stillhält, am bangsten lauscht, weil er am tiefsten das Wort ehrt, — das ist reines unberührbares Wunder. Margarete Susman Walther Heymanns 20. Todestag Hätte der Dichter Walther Heymann, als er in der Nacht vom 8. zum 9. Januar 1915 bei Soissons fiel, nichts anderes geschrieben als die zwei Dutzend Kriegsgedichte, die noch im selben Jahr zusammen mit seinen Feldpostbriefen im Buch erschienen, so wäre nicht viel mehr Anlaß, auf diesen zwanzigsten Gedenktag hinzuweisen, als auf den vieler anderer aus unseren Reihen, die nicht heimkehren durften. Strophen von ähnlicher Qualität sind im Laufe des Krieges manche entstanden. Er hat selbst gewußt, wie sie einzuordnen waren; in einem Feldpostbrief schreibt er mit der Erkenntnis des bewußten Künstlers: „Ich möchte einige Gedanken- und kleine Beobachtungs- Gedichte machen. Sonst muß das bis zur Rückkehr bleiben." Bis zur Rückkehr . . . Aber mit ihm sank ein deutscher Dichter jüdischen Blutes dahin, der einen neuen Höhepunkt der Dichtung bedeutet hatte. Heymanm ist damals (und auch jetzt z. B. von Nadlernoch) als der Gestalter des ostpreußischen Landes anerkannt, ja als sein menschliches Symbol genommen worden. Heymann war der erste, der sich ganz befreit hatte vom nachgiebigen Melos Heines — um es nur so zu bezeichnen —, während der um beinahe zwei Jahrzehnte ältere Löns diesem Einfluß noch durchaus unterlegen war, wie übrigens auch fast sämtliche jüdischen Lyriker des bürgerlichen Bezirkes, wenn man von den Künstlern des George-Kreises und dem großen Alfred Mombert absieht. Heymann war nicht nur literarisch ein Endprodukt der Entwicklung, die jüdisch-deutsche Kultur in Menschen des vergangenen Jahrhundert gefunden hat, sondern auch eine ErfüLlung und ein Höhepunkt natürlicher geistiger Emanzipation, in einem durchaus positiven Sinn organischen Wachstums und irrationalen Gesetzes. Walther Heymann war am 19. Mai 1882 geboren, auf dem alten Königsberger Kulturboden, der dem deutschen Judentum so viel bedeutende Männer gegeben hat; er gehörte also zur Generation von Walter Cale und Ernst Lissauer; aber während Cale, als er früh starb, bei aller formalen 473