Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 471 (sequence 1)
- Language
- German
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Karl Wolfskehl, Die Stimme spricht. Schocken Verlag, Berlin 1934 Denn durch sich selber wissen die Menschen nichts, die kurzlebigen, die geblendeten, die gehetzten: immer wieder muss ihnen gesagt werden was ist, muss das Wort zu ihnen dringen, das nicht von ihnen stammt. Karl Wolfskehl Wenn wir dem Hinweis auf diese Gedichtsammlung die früheren Worte des Dichters selbst voranstellen, so ist es, weil sie vielleicht etwas von dem aufhellen können, was in dieser rätselhaften Dichtung als göttliches Wunder und menschliche Problematik zugleich beschlossen liegt. Zwar spricht der schöne keusche Titel des Buches selbst es aus, daß der Dichter völlig hinter seiner Dichtung zurücktritt, daß er nichts anderes ist und sein will als reines Sprachrohr der Stimme, die ihn erwählt hat. -Aber können wir diese Haltung so einfach und problemlos annehmen? Es ist ja diese Weltstunde, in der die Gedichte erscheinen, und es steht auf dem Umschlag nicht nur der Titel, sondern auch der Name des Dichters. Und der Name Karl Wolfskehl ist geprägt; er ist in der deutschen Welt bekannt. Bekannt vor allem als Jünger und Freund Stefan Georges, dem er bis über den Tod hinaus die Treue hielt, als Dichter schöner eigener, aber ganz der Weise und Anschauung dieses Kreises zugehöriger Gedichte, als Entdecker und Nachdichter alter germanischer Dichtung, als tiefer Erforscher und Kenner germanischen Sprachguts, als Verfasser schließlich einer Sammlung herrlicher, weltweiter Aufsätze, die gleichfalls in ihrem Kern derselben Gesinnung entsprungen sind. Alles in allem also als ein ganz und gar dem deutschen Kulturkreis angehöriger Mensch. Und wenn nun plötzlich aus der Seele dieses Dichters Lieder völlig anderer Art und Herkunft, anderen Gehalts und anderer Form hervorbrechen: schlichte, psalmengleich strömende Worte radikaler Umkehr und Einkehr, Abkehr vom Vielen zum Einen, Gebet, Bekenntnis und Verheißung, Aufruf und Weisung Gottes an sein Volk, Worte der Stimme, die aus der Ewigkeit in die Zeit gesprochen sind, — wie sollten wir nicht mit letzter Ergriffenheit, mit einem Erschauern aus der Tiefe der Seele unseres Volkes selbst dieser Dichtung lauschen, die wie ein Sternfall aus der oberen Welt in das Düster unserer Nacht hereinsinkt? Fraglos, hingerissen beugen wir uns dem Wunder, daß hier ein von völlig anderen Gehalten, ja von einer anderen Art von Göttlichkeit lebenslang geprägter Mensch durch die Wucht des Erlebens der Schicksalsstunde seines Volkes sich vor seinem Gott niederwirft und um Seinetwillen, wie ein Franz von Assisi die reiche Kleidung seines Vaterhauses, den ganzen bisherigen Reichtum von sich abwirft: „Alles laß ich im Nebel zurück. Vorüber. Ledig muß ich sein vor dem Einen Gesetz." Und in der Rückkehr vom Vielen zum Einen, die der Grundton dieser Gesänge ist, steckt auch die Absage an das Vergangene, das Wissen um die geschehene Verfehlung des Lebens im Fremden, Gericht und Selbstgericht, Gebet und Buße. Und wenn dem Dichter die Antwort der Stimme entgegenklingt: 471