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Der Morgen · 1935-01-01 · Heft 10 (Januar 1935) · p. 467

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 10 (Januar 1935)
Article
Geist und Glaube [Rezension]
Date
1935-01-01
Page
467 (sequence 2)
Language
German
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tellektuellen Tätigkeit, die sich ohne weiteres als Geist ausgab und die uns zu ersticken drohte, verlor sich das Wissen um den Geist als Spontaneität, um den Geist als Retter, Schöpfer, wirkenden Verbinder der Zeitalter, wie ihn die Hymnen der Kirchen und der Dichter preisen. Der Weg des Irrationalismus, die Wandlungen im Bild des Menschen, die zugleich nur ein Zurückgehen auf alte, verschüttete Einheit bedeuten, die Revolution der Politik zeigen den Eintritt eines Zeitalters an, wo der Geist wieder Gestalt gewinnt und über dem Leben schwebt . . ." Ein ähnliches Thema behandelt Eugen Diesel im November- Heft der „Deutschen Rundschau" in einer psychologischen Studie: „Was ist Glaube?" Er unterscheidet den Meinungsglauben, der dem Intellekt und den Vorstellungen entspringt, und den Wesensglauben, der unmittelbar aus dem Zustand des Seins fließt. Alle religiös erfahrenen Menschen schildern den wahren Seinsglauben als einen Zustand innerer nicht weiter begründbarer Sicherheit und Überzeugung. Wirksam kann aber nach seiner Meinung der Wesensglaube nur werden, wenn der Meinungsglaube hinzutritt. „Ohne Geist, Einsicht, gedankliche Form ist das Leben nicht zu führen." Diesel stellt schließlich die Frage: „Welche Glaubensart ist, soweit man so etwas überhaupt sagen kann, die rechte oder richtige? Zunächst ist zu sagen, daß der Wesensglaube edler und tiefer ist als der Meinungsglaube. Da aber beide Formen des Glaubens immer in Verbindung treten müssen, so werden wir einen Wesensglauben ohne Meinungsglauben irgendeiner Art kaum jemals antreffen, und wir können nur sagen: die edelste Form des Glaubens ist diejenige, die sich auf Wesen und Charakter fester, männlicher und klarer Art stützt und, von hier aus gelenkt, zu freien, nicht fanatischen, der Wahrheit und Wirklichkeit entsprechenden Ansichten und Meinungen gelangt. Verwirrend und schädlich aber ist der Glaube, der sich aus tausend zweckhaften Meinungen zusammensetzt und des inneren Kompasses der anständigen, wesensgläubigen Persönlichkeit entraten zu können glaubt. Wesensgläubige Menschen werden Meinungen gegenüber vorsichtig sein, aber wenn sie eine Meinung vertreten, wird ihnen sehr oft eine tiefe Wahrheit anhaften, ein lebendiger Zauber, der dem Meinungsgläubigen niemals dient. Alles, was der wesensgläubige und dabei im Geiste klare Mensch denkt und dichtet, ist von edlem, kaum näher zu beschreibendem Maß, von lebendiger Wahrheit und Wirklichkeit geprägt, ist Weisheit, während der Meinungsgläubige, der charakterlose Intellektualist, bei dem alles unweise ist, kaum etwas hervorbringen kann, was nicht scheel, unwahr, unwirklich, ja gespenstisch ist und Unheil bewirkt. Echter Glaube und rechtes Meinen sitzen überaus selten in einem Menschen beieinander. Sie haben einen schweren Stand gegen die vielen schlechten wirren Glaubensformen, welche seit je die Welt beherrschen und die immer triumphierend mit Meinungen, Gedanken und Ideen aufwarten können. Das kann der im innern Wesen schlummernde echte Glaube nicht. Er ist nicht beweisbar, 467

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