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Der Morgen · 1935-01-01 · Heft 10 (Januar 1935) · p. 468

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 10 (Januar 1935)
Article
Geist und Glaube [Rezension]
Date
1935-01-01
Page
468 (sequence 3)
Language
German
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nicht an das Licht des Tages zu ziehen. Er kann nur bewährt werden in einem echten und tapferen Lebenslauf. Nichtige und hohle Meinungen aber sind beweisbar, man kann sie vorzeigen und begründen, und nichts ist leichter, als mit einem frechen Aufwand an wesenloser Prophetie die Menschen zu täuschen und zu gewinnen und sie gegen die wenigen und seltenen Wesensgläubigen aufzuwiegeln, die vom Billigen und Bösen als seine furchtbarsten Gegner erkannt werden." Zum Gedächtnis Rudolf Hallos Als Rudolf Hallo vor nun gerade zwei Jahren, 36jährig, einer raschen Grippe zum Opfer fiel, kannte die Wissenschaft nur den hoffnungsvollen Kunsthistoriker, dem früh das Kasseler Kupferstichkabinett und die Staatliche Kunstbibliothek anvertraut worden waren. Auch das deutsche Judentum wußte kaum mehr von ihm, als daß er nach der Erkrankung Franz Rosenzweigs die Leitung des Frankfurter Lehrhauses übernommen und später schätzenswerte Forschungen über Geschichte und Kunsthandwerk der hessischen Juden veröffentlicht hatte. Man sah damals nicht — und vielleicht war seine zurückhaltende Bescheidenheit mitschuldig daran —, daß in ihm der erste sichtbare Vertreter einer neuen Generation, eines neuen deutsch jüdischen Menschen- und Wissenschaftlertyps zu früh dahingegangen war. War es der Frühzeit der Emanzipation noch als Leitziel erschienen, über der neueroberten Kultur der Umwelt die Beziehung zum eigenen jüdischen Erbe ungeschmälert lebendig zu erhalten, so nahm später diese Beziehung gerade in den geistig führenden Schichten von Generation zu Generation ab: man überließ die Beschäftigung mit jüdischen Problemen säuberlich dem Gelehrten „vom Fach", reserviert« die Religion für Feiertage und die Betonung seiner Herkunft für Organisationen und Jubiläen. Die Rückeroberung nicht des Judentums, aber der „Jüdischkeit" in dieser Schicht knüpft sich an den Namen Franz Rosenzweig; auch für ihn war es die plötzliche Umkehr auf einem Weg, der unter großen Erfolgen schon bis fast an das entgegengesetzte Ende geführt hatte. Rudolf Hallo, der jüngere Freund aus einer seit Generationen befreundeten Familie, bildete sich nicht nur zum deutschen Wissenschaftler, sondern auch — zum Juden heran. Aber so wenig wie Franz Rosenzweig verfiel er nun der entgegengesetzten Einseitigkeit, nur noch das Jüdische in sich gelten zu lassen; nur konnte er, während in Rosenzweigs Schaffen eine jüdische Epoche der deutschen erst zu folgen scheint, beide Seiten gleichzeitig in sich entwickeln. Doch nicht d a ß er die beiden Schalen der Waage im Gleichgewicht zu halten wußte, sondern wie er es tat, zeigte eine neue Stufe deutsch jüdischer Wirksamkeit an: es ist nicht mehr die Flucht in eine geschichtliche Ferne, sondern die Entwicklung eines weiten Weltbildes vom Nächstliegenden her, vom Eigensten ins Fernere, vom Konkreten ins Geistige, von den Dingen zu den Problemen — statt, wie noch eine Generation vorher, umgekehrt. 468

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