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Der Morgen · 1935-01-01 · Heft 10 (Januar 1935) · p. 466

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 10 (Januar 1935)
Article
Geist und Glaube [Rezension]
Date
1935-01-01
Page
466 (sequence 1)
Language
German
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Presseschau: Geist und Glaube In einem bedeutsamen Aufsatz: „Vom Selbsthaß des Geistes" kommt E. W. Eschmann, der Mitherausgeber der Zeitschrift „Die Tat" (8. Heft 1934), auf die merkwürdige Tatsache zu sprechen, daß unsere Zeit in den verschiedensten Formen dem Geist die Fehde angesagt hat. „Der Geist wird als Abfall vom ,Leben', als Feind der Seele, als Erzeugnis und Verkünder der Schwäche zugleich verächtlich und verdächtig gemacht." Der Verfasser bespricht eingehend die Ursachen, die zu diesem „Selbsthaß des Geistes" geführt haben. Er macht für solche Haltung die Mechanisierung des Denkens, die Verwandlung des Geistes in einen Apparat, die falsche Gleichsetzung von „Geist" mit „Bewußtsein" verantwortlich. Interessant sind seine Ausführungen über das Verhältnis des Geistes zur Wissenschaft und zum Gebiet des Irrationalen in unserer Zeit: „Die gegenwärtige Unterschätzung der Wissenschaft ist gefährlicher als die frühere Überschätzung. Wirkte in der ein Übermut, dem man eine gewisse Größe nicht absprechen konnte, so verbirgt sich in der fortwährenden, ermüdenden Betonung der Unzulänglichkeit aller Wissenschaft armselige Flucht. Es gibt auch einen Defaitismus der Erkenntnis, wie es einen der Politik gibt. . . . Die gegenwärtige Unterschätzung des Bewußten zugunsten des Unbewußten ist der verständliche und berechtigte Gegenschlag gegen1 die ein Jahrtausend alte einseitige Verherrlichung der bewußten Geisteskräfte. Von der Kultur der Spätantike abgesehen: auch die universale Kirche des Mittelalters war nicht durchaus mystischgefühlshaft, wie dies romantisches Träumen gern annimmt, sondern recht rational. Sie behauptete, daß Gott und die Welt in den von ihr gesetzten Bahnen ebenso erkannt werden könnten wie sollten. Der bewußte Teil des Seelenlebens wurde deshalb mit Glanz und Form umgeben und als allein menschlich und fromm gefeiert, der unbewußte dagegen zum Tummelplatz der Dämonen und Triebe erklärt und dadurch natürlich auch gemacht. In der gleichen Linie lag das Mißtrauen der Kirche, nämlich der wirklichen, der herrschenden Kirche (nicht einer romantischen Fiktion) gegen die Mystik und die Visionen . . . Die Rückwanderung zur Seele, die Wiedergewinnung des Leibes, die Entdeckung des Blutes, des Bodens, der Rasse sind Taten des Geistes. Er führt auf seinem Weg zur Erkenntnis von Mächten zurück, die frühere Zeiten in unzerstörter Einheit besaßen. Der Geist dämmt sich selbst ein, beseitigt seine Entartung und stellt die Ordnung wieder her. Von hier aus erhalten wir nun einen Blick in das Wesen der Sache: die heutige, als Ausgleich eines jahrhundertealten Zwangszustandes erklärliche Mißachtung des Bewußtseins gegenüber dem Unbewußten ist falsch. . . Die Völker können ohne Geist nicht leben, der ihnen erregenden Daseinsstoff, erhaltende Lehre, Erneuerung durch Besinnung, Erkenntnis des eigenen Wesens gewährt. All dies gehört zum Wesen des Menschen. Ableugnung beseitigt es zwar nicht, hemmt und verunreinigt aber die Wirkung. Inmitten der aufgehäuften Ablagerungen einer in- 466

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