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Der Morgen · 1935-01-01 · Heft 10 (Januar 1935) · p. 464

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 10 (Januar 1935)
Article
Sombarts "Deutscher Sozialismus" [Rezension]
Date
1935-01-01
Page
464 (sequence 4)
Language
German
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Erich Wittenberg in den ältesten Zeilen der Geschichte ein überzeugender Beweisgrund dafür, daß die kapitalistische Geistesart sich unmöglich aus jüdischen Rasseeigentümlichkeiten allein erklären läßt. In seiner „Geschichte und Theorie des Kapitalismus" macht Fritz Gerlich im Jahre io,i3 den Versuch, Sombarts Behauptungen von Grund auf als irrig nachzuweisen. Es fällt ihm nicht schwer, durch Gegenbeispiele die Einseitigkeit der Sombartschen Kulturkritik zu belegen, die ja nur dann im Rechte ist, wenn in der Tat alle geistigen Gesichtspunkte in Kunst, Wissenschaft, Literatur und Religion der „allmächtigen kapitalistischen Wirtschaft" und dem „zersetzenden Geist des Marxismus" zum Opfer gefallen sind. Wäre die Wirtschaft bisher tatsächlich von einem so beherrschenden Einfluß auf die geistige Haltung jedes Menschen gewesen, dann wären alle Hoffnungen auf eine Erneuerung des Geistes in der Zukunft nur leere Phantasiegebilde. Sombart steht also als scharfer Gegner des „jüdischen Geistes", wie er sich in der gesamten heutigen Kultur niederschlägt, selbst im Banne der Anschauungen, die er überwinden will. In der Fülle der Faktoren, die im Kapitalismus wirksam sind, spielt, wie Gerlich zeigt, selbst der Calvinismus keine ausschlaggebende Rolle. Denn sonst müßte man die von jedem Calvinismus freien Venetianer, Florentiner, Augsburger und Genueser Handelsherren des i5. und 16. Jahrhunderts einfach aus der Geschichte des Kapitalismus streichen. Gerlich entwirft ein anschauliches Bild von dem Entwicklungsgang des Kapitalismus von der Antike bis in die Gegenwart, ohne vor der Neuzeit Juden und „jüdischem Geist" zu begegnen. Zu gleichen Ergebnissen gelangt die zweite Gruppe von Sozialforschern, die mit Sombart den Kapitalismus mehr als eine Erscheinung der Neuzeit ansieht. In einer Münchener Akademierede faßte Lujo Brentano seine Ansicht dahin zusammen, die Juden seien nirgends Schöpfer der kapitalistischen Wirtschaftsordnung gewesen, wohl aber hätten sie sich dort, wo sie bereits vorhanden war, gut in sie einzufügen gewußt. Und Forscher wie Schulze-Gävernitz, Ernst Troeltsch und Max Weber halten auf Grund umfassender Quellenstudien daran fest, daß Calvinismus und Puritanismus die entscheidenden Triebkräfte des Kapitalismus gewesen sind. Sie zeigen gleichzeitig in tief schürfenden Analysen, wie der Geist der religiösen Askese schon im Mittelalter in der Bedeutung der Zisterzienser, Benediktiner und der Franziskaner in der Wirtschaft sich ausprägt. Bei der Wichtigkeit, die Max Weber diesen religiösen Einflüssen beimißt, gibt er doch in einer groß angelegten Antikritik an Rachfahl zu, daß schon „der chinesische Mandarin, die römische Aristokratie usw. von großer Habgier erfüllt gewesen seien, also mindestens schon keimhaft die Spuren des späteren kapitalistischen Erwerbsgeistes aufweisen". Ehrenberg begegnet in seinem großzügigen Werk über die Fugger, in denen er die großen Geldgeschäfte des- 16. Jahrhunderts kritisch darstellt, überhaupt nur einem einzigen Juden, und zwar einem Frankfurter Makler. Ein anderer Forscher macht treffend darauf aufmerksam, wie „die industrielle und kommerzielle Tätigkeit der Juden zur Zeit der maurischen Herrschaft in Spanien mit der von Som- 464

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