Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- Sombarts "Deutscher Sozialismus" [Rezension]
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 463 (sequence 3)
- Language
- German
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Sombarts „Deutscher Sozialismus" Sombarts Methode kennzeichnet sich dadurch, daß er beispielsweise führende Finanzleule aus den Adelsgeschlechtern von Genua aus „physiognomischen" Gründen oder auch weil man sich ihren Erwerbsgeist anders nicht erklären könne, zu Juden stempelt. In Frankreich hat, um ein anderes Beispiel anzuführen, Sombart bis ins 18. Jahrhundert hinein sogar nur einen einzigen jüdischen Geldmann, namens Bernard, nachgewiesen; der aber war, wie die spätere Forschung einwandfrei ergab, in Wirklichkeit — nichtjüdischer Abstammung. Er selbst hat übrigens — was angesichts der Unfehlbarkeit, die er gegenwärtig für sein früheres Buch beansprucht, bemerkt werden muß — in seiner Schrift „Die Juden und das Wirtschaftsleben" (1911) zugestanden, daß manche seiner Annahmen nur auf Hypothesen beruhten. Wenige Jahre später (1913) hat Sombart in seinem „Bourgeois" den Juden nur noch ein besonders starkes Gewinnstreben nachgesagt und auch im einzelnen frühere Behauptungen berichtigt, so z. B., wenn er die Gouverneure der indischen Handelskompagnie nicht mehr als Juden, sondern als Krieger charakterisiert. Wie hat sich nun die wissenschaftliche Welt im ganzen zu Sombarts Thesen gestellt? Diese Frage ist wichtig, weil nämlich die damals gegen ihn erhobenen Einwendungen auch sein neues Werk treffen, das nach seinen eigenen Worten in so engem Zusammenhang mit seinen früheren Arbeiten steht. Wir können seine Kritiker in zwei Lager teilen: in diejenigen, die den „modernen Kapitalismus", wie ihn Sombart definiert, schon als eine alte Erscheinung ansehen; und in die zweite Gruppe, die wohl den Kapitalismus als modernes Gebilde betrachtet, aber in entschiedenem Gegensatz zu Sombart einen bestimmenden Einfluß des Judentums auf seine Entstehung und seine Entfaltung bestreitet. Ist die erste Ansicht richtig, dann fällt Sombarts These, die Juden seien die Schöpfer des modernen Kapitalismus, in sich zusammen. Entspricht die Ansicht der anderen Forscher der Wahrheit, d. h. sind die Juden am Aufschwung des Kapitalismus zwar mitbeteiligt, andere Kräfte aber für ihn bestimmend gewesen, dann sind Sombarts Argumente ebenfalls hinfällig. Denn dann geht es nicht mehr an, spezifisch jüdischen Eigenschaften die Entstehung dieser Wirtschaftsform zuzuschreiben. Schor. im Jahre i8g3 hat Professor Robert Pohl mann in dem ersten Bande seines großen Werkes „Der antike Sozialismus und Kommunismus" das Vorhandensein eines kapitalistischen Erwerbsgeistes in der Antike behauptet, seine Meinung an unzähligen Zeugnissen belegt und Gedanken bedeutender griechischer Sozialethiker schlagend den Äußerungen moderner Sozialkritiker gegenübergestellt. Dabei hat er eine erstaunliche Übereinstimmung in den grundsätzlichen Erkenntnissen nachgewiesen. Diesen Forschungen haben u. a. so hervorragende Kenner des Altertums wie Eduard Meyer und Busolt zugestimmt. Ihre gesamten Studien werden von Sombart außer acht gelassen. Mag der antike Kapitalismus auch entwicklungsgeschichtlich mit den modernen Wirtschaftsgebilden nicht unmittelbar in Zusammenhang stehen, so ist der Nachweis kapitalistischer Struktur schon 463