Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- Sombarts "Deutscher Sozialismus" [Rezension]
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 465 (sequence 5)
- Language
- German
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Sombarts „Deutscher Sozialismus" bart geschilderten Epoche mutatis mutandis durchaus vergleichbar ist". Robert Michels führt die wirtschaftliche Anpassungsfähigkeit der Ilaliener, und zwar besonders in den Provinzen der Poebene, auf die historische Jugend des Landes und auf den Zuwachs der Bevölkerung zurück, die sich etwa innerhalb eines Jahrhunderts verdoppelt. Ganz unmöglich sei es aber, die insgesamt 5o ooo Juden, die in Italien leben, dafür verantwortlich zu machen, da sie zu einem großen Teile dort Verwaltungsstellen ausfüllen und in rein geistigen Berufen eine Rolle spielen. Pesch, der Begründer des sozialphilosophischen Solidarismus, führt in seinem Buch „Die soziale Befähigung der Kirche" den Nachweis, daß „die höchste wirtschaftliche Blüte katholischer Völker zusammenfällt mit einem starken sozialen und politischen Einfluß der Kirche". Er erinnert dafür u.a. an den wirtschaftlichen Aufschwung der italienischen Städte Amalfi, Pisa, Florenz und Venedig, für Deutschland an die Hansa, die im i5. Jahrhundert den Handel von Nord- und Westeuropa beherrschte, schließlich an Flandern und die Niederlande, die sogar schon im n. Jahrhundert mächtig aufstrebende Städte besaßen. Schließlich hat Julius Guttmann in einem eingehenden, die Einzelheiten gründlich beleuchtenden Aufsatz im „Archiv für Sozialwissenschaft" das Recht der Sombartschen Aufstellungen sachlich untersucht. Es sei nur das Ergebnis von Guttmanns Studien zur Entwicklung des Kapitalismus in England und Amerika wiedergegeben, weil mit dem Nachweis, daß hier von einem tragenden Einfluß der Juden auf die Wirtschaftsentwicklung gar keine Rede sein kann, Sombarts Thesen widerlegt sind: das jüdische Element ist in England erst seit i63o von größerer Bedeutung; seit dem Ende des 16. Jahrhunderts war aber die wirtschaftliche Machtstellung Englands bereils in sich befestigt. In Amerika — nach Sombarts beweisloser Behauptung wurde von Anfang an jeder Auswanderertrupp von einer kapitalkräftigen jüdischen Familie begleitet — gab es unter fünf Millionen Bewohnern um 1800 erst insgesamt 3ooo Juden; der kapitalistische Geist war aber schon viel früher in dem Amerikaner Franklin in einer schlechthin klassischen Weise zum Ausdruck gekommen. Wie sollte also dort die Durchdringung Amerikas mit dem jüdischen Geist erfolgt sein? Wir kommen also abschließend zu dem Ergebnis: Die gesamte deutsche Wissenschaft hat in einer seltenen Einmütigkeit die Thesen von Sombarts „Judenbuch" als unkritisch abgelehnt. Auf dieser Schrift beruht aber sein „Deutscher Sozialismus" in der Beurteilung der Judenfrage. Ohne Berücksichtigung aller wohlbegründelen Entgegnungen hat Sombart jetzt seine früheren Behauptungen wiederholt, ja sogar ohne seine eigenen früheren Einschränkungen und Vorbehalte. Denn die Züge, die Sombart am Judentum entdeckt haben will, sind nach seiner Auffassung die negativen Züge des Kapitalismus und dessen angeblichen Lieblingskindes, des proletarischen Marxismus. Ist aber die Lehre Sombarts von der Geburt des Kapitalismus aus dem Geiste der jüdischen Religion und Rasse unhaltbar, so entfallen damit auch alle Folgerungen, die er daraus gezogen hat. 465