Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- An der Grenze
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 458 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch Junge keine Krücken mehr nötig harte, umgab ihn die kleine, dickliche Frau mit der Liebe einer Glucke, die einen Enterich ausgebrütet hat. Boskin war allerdings der Einzige, der in diesem lärmend fröhlichen, heiter frommen Hause mit dem (übrigens noch kaum bewußten) Gefühl umherging, daß er nicht hergehörte. Aber verliebt war er nicht. Vielleicht befiel ihn schon beim Gedanken an Frauenkörper die furchtbare Erinnerung seiner Herkunft. „Na, Michel?" fragte der Kantor dann oft, wenn sie allein waren, und unterbrach sein leises Tremolieren: „Was ist los? Sprich Dich aus, Michel, sprich Dich ruhig aus. Oder — oder weißt Du" — die Sicherheit des guten Mannes zerbrach sogleich am Schweigen des Jungen — „oder sprich mit der Mutter, Michel. Wie ist das? Rachel!" Mit einem Seufzer ging er aus der Stube und versuchte, in der Küche weiterzuträllern, während Frau Kiwi eintrat und sich an der Schürze die Hände abwischte. Aber Boskin schwieg. Dann ging sie auf ihn zu und strich ihm über das Haar. Es schwieg. Er ging in den Wald. . . Da Arnos zugleich den Lederstrumpf und dessen grimmigen Feind, den zweiten Sioux-Häuptling, zu spielen hatte, komplizierte sich das Spiel so sehr, daß man kein Vergnügen daran fand. Es bestand auch aus zu verschiedenen Elementen. Die Kleinen wollten nichts als hauen und Lärm machen, die Größeren nur sich verstecken und einander überlisten, Hosea dachte an die strategischen Kniffe Caesars und Alexanders des Großen, und der große Ock war stupide. Als daher Habakuks feines Näschen den Geruch von Erdbeergelee witterte, donnerten sie ein Hurra über den Hof und stürmten die Treppen hinauf in den zweiten Stock. Der große Ock, der so lange still und geduldig den sterbenden Mohikaner gespielt hatte, ließ es sich nicht nehmen, auch das neue Spiel mitzumachen und kam mit in die Wohnung der Großeltern. Bald war der Syruptopf an dem vorderen Fenster entdeckt. Sie hielten den Syrup für Erdbeergelee, und Habakuk steckte vorsichtig den kleinen Finger hinein, um zu probieren. Die anderen aber drängten so wild nach, daß Habakuk den Topf anstieß und umkippte. Die dickflüssige Masse ergoß sich zum Fenster hinaus auf die Straße. Im letzten Moment gelang es Hosea noch, den Henkel des Topfes zu fassen und zurückzuhalten, so daß wenigstens der Topf auf dem Fensterbrett blieb. Nun wollte aber unten auf der Straße ein etwa achtjähriges Mädchen mit blonden Zöpfen vorbeigehen, das den Syrupstrahl auf den Kopf bekam und ganz mörderisch zu schreien anfing. Die Großmutter, die längst unten war, hörte als erste das Schreien und eilte dem armen Kind zu Hilfe. In der festen Überzeugung, daß sie selbst schuld sei, weil sie den Syruptopf aufs Fensterbrett hatte stellen lassen, und zumal sie auch glaubte, er wäre von selbst um- 458