Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- An der Grenze
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 457 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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An der Grenze hin und wieder einen unartikulierten Laut ausstieß, den die anderen dann jubelnd als indianisches Sterbelied registrierten. Die beiden „Großen", die sich sonst eigentlich schon zu erwachsen für solche Spiele dünkten, sollten mit dem Glanz von Paraderollen gewonnen werden, und als Hosea Kiwi erfuhr, daß er den Unkas, den letzten Mohikaner, spielen sollte, konnte er tatsächlich nicht nein sagen, schlug aller Erwachsenheit ein Schnippchen und war bereit, zur Vertilgung der Sioux bis ans Ende der Welt zu stürmen. Die Rolle des weißen Lederstrumpf war Michael Boskin zugedacht. Aber er schüttelte nur traurig den Kopf, als bedauerte er selbst am meisten, daß er schon zu alt sei für solche Romantik. Es gab einen kurzen heftigen Wortwechsel mit Hosea, den ersten seit ihrer Bekanntschaft, aber Boskin gab nicht nach, und während die zwölf Kiwis indianische Fehden auszufechten begannen, ging er ganz verstört fort. Die Großeltern, die vom Fenster des Eßzimmers aus die Szene mitangesehen hatten, winkten ihn herbei. Der Großvater fragte ihn geradezu, warum er nicht mitspiele. „Weil ich nicht mehr an Indianer glaube", antwortete Boskin mit etwas knabenhaftem Trotz. Der Großvater meinte gutmütig und beinahe ironisch lächelnd: „Es ist sehr traurig, wenn man nicht mehr an Indianer glauben kann." Boskin wurde stutzig. „Ja, gibt es denn wirklich Indianer?" fragte er. Und der Großvater antwortete immer noch mit dem gleichen gütigen und ironischen Lächeln: „Es gibt nichts, was es nicht gibt." „Aber Morchen!" mahnte ihn da die Großmutter, denn das ging ihr doch etwas zu weit. „Aber Dorchen!" verteidigte sich der Großvater, „er glaubt nicht an Indianer!" „Dann könnte er mir ein bißchen helfen", schnitt sie die Debatte ab und nahm Boskin mit. Die Großeltern bewohnten im gleichen Haus eine Stube und Küche im zweiten Stock, unter dem Dach. In der Küche kochte die Großmutter nur außergewöhnliche Dinge, zum Beispiel jetzt Erdbeergelee und Syrup. Nach einer halben Stunde ließ sie Boskin den großen irdenen Topf mit Syrup, der abkühlen sollte, auf das Fenster der Stube stellen, das zur Straße hinausging. Dann durfte er wieder gehen. Er nahm ein Buch und lief in den Wald. Er brauchte Einsamkeit. Es war ihm klar geworden, wie sehr er sich den Kiwis bereits entfremdet hatte. Es tat ihm weh, sich das einzugestehen, und zugleich wußte er, daß sein Gefühl des Andersseins nicht die Folge des kleinen Zankes mit Hosea Kiwi war. Wie oft in den letzten Wochen hatte ihn der Kantor bei Tisch aus ähnlichen, nur noch weniger bestimmten Gedanken mit den Worten aufgescheucht: „Michel, Du bist doch nicht verliebt?" Dann sah Frau Kiwi vom Teller auf und blickte ihn voller Angst an. Seit der 457