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Der Morgen · 1935-01-01 · Heft 10 (Januar 1935) · p. 459

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 10 (Januar 1935)
Article
An der Grenze
Date
1935-01-01
Page
459 (sequence 7)
Language
German
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An der Grenze gekippt, nahm sie das schreiende Mädchen an der Hand und brachte es eiligst in den zweiten Stock. Soweit hatten die zwölf Kiwis und der große Ock alles aus dem Fenster beobachtet. Sie waren in der größten Angst, aber ihre Verlegenheit darüber, was sie jetzt tun sollten, war noch schlimmer. Wenn sie hinunterliefen, mußten sie der Großmutter auf der Treppe begegnen, und dann hatten sie sich schon verraten. Wenn sie dablieben, mußte die Großmutter sie erst recht entdecken. Was sollten sie tun? Selbst der Stratege Hosea, der Tag und Nacht mit Caesar und Alexander umging, wußte keinen Rat. Da hörten sie schon die Schritte der Großmutter vor der Küchentür und krochen in einer plötzlichen Eingebung alle zwölf unter die beiden Betten der Großeltern. Und der große Ock kroch sofort nach. Arnos aber, der ehemalige Aushilfs-Lederstrumpf und zweite Siouxhäuptling, hatte wenigstens soviel indianisches Feingefühl, daß er dem großen Ock in die Tonpfeife spuckte, damit nicht der Rauch ihr heimliches Lager verriete. Nun kam die Großmutter und setzte das kleine Mädchen, das aufgehört hatte zu weinen, auf einen Stuhl, brachte eine große Schüssel Wasser und begann, die syrupverklebten Haare zu reinigen, so gut es ging, und dem Kind gut zuzureden. Dabei wurde es den dreizehn unter den Betten immer unheimlicher, und besonders Habakuk, der die ganze Schuld auf seinem kleinen Herzen lasten fühlte, konnte nicht mehr an sich halten und fragte, vor Schuld, Angst und Reue vergehend, unter dem Bett hervor: „Lebt sie noch?" Die Großmutter war von dieser Frage und ihrer Komik so erschüttert, daß sie am liebsten laut aufgelacht hätte, denn dem Kind war ja nichts passiert, aber die Angst, mit der Habakuk fragte, rührte sie zugleich, und sie sagte nur: „Aber ja doch", während sie sich erstaunt und belustigt umsah, woher denn diese Enkelstimme käme.. Da arbeitete sich Habakuk schon selber unter dem Bett hervor, sah das Kind und sagte aufatmend: „Gott sei Dank!" Nun faßte die Großmutter Verdacht: „Warum bist Du denn unter das Bett gekrochen?" „Weil alle anderen unter das Bett gekrochen sind, bin ich auch untergekrochen", schluchzte der kleine Habakuk. IV. Am ersten Pessachtage sah der Vorgarten der Synagoge zwar noch ganz kahl aus, und nur wenige Böhnchen hatten bereits ihre ersten zwei grünen Blättchen vorgestreckt, aber der Rechtsanwalt Goldfink, der als einer der Eiligsten die Synagoge verließ, lächelte trotzdem geschmeichelt, als sein Auge auf den Vorgarten fiel. Im letzten Herbst, dem ersten nach dem Bohnenwunder, hatte es zwölf Zentner der Hülsenfrüchte gegeben, und der Rechtsanwalt hatte diesen Zuwachs der Gemeinde-Einnahmen benutzt, um endlich 459

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