Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- An der Grenze
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 456 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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- IRI
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Leo Hirsch eine etwas schaurige Eroberung, und die Soldaten zogen gleich weiter, an der Grenze entlang, den Fliehenden nach. Ein Schmuggler, der wohl hatte fleddern wollen, fand Boskin. Der Junge lag unter rauchenden Trümmern begraben und schrie minutenlang. Die Schreie waren nicht mehr menschlich. Sie hörten plötzlich auf. Boskin fiel in Ohnmacht. Nach wenigen Minuten erwachte er und schrie wieder. Der Schmuggler ging den wahnsinnigen Lauten nach, räumte einen halbverbrannten Querbalken fort und sah Boskin, der nackt war und seine Beine nicht regen konnte. Um ihn herum lagen lauter Frauenleichen. Vielleicht hatte er mitansehen müssen, wie man seiner Mutter und seinen Schwestern — schließlich die Kehle durchschnitt. Die Frauen hatten alle die Schlagader durchschnitten. Boskin war der einzige Überlebende von Opatow. Der Schmuggler holte Hilfe, man lud Boskin auf eine Bahre und brachte ihn nachts über die Grenze in ein deutsches Krankenhaus. Seine Schreie hörten erst Tage später im Lazarett auf. Selbst da wußten die Ärzte nicht, ob der Junge noch seinen vollen Verstand hatte. Wochenlang sprach er nichts. Man fragte ihn immer wieder; einmal ließ er sich Papier bringen und schrieb seinen Namen auf. Man stellte fest, daß er jüdisch aussah. Seine Füße waren gelähmt. Nach drei Monaten im Lazarett lernte er an Krücken gehen. Nach weiteren drei Monaten lernte er ohne Krücken gehen. Nach weiteren sechs Monaten war er körperlich ganz „auf der Höhe", dazu ein guter Schüler, strebsam und schweigsam. Er gab Schülern der unteren Klassen Nachhilfeunterricht. Von dem Erlös und aus dem Stipendium zahlte er ein anständiges Kostgeld an Frau Kiwi, die es gut hätte brauchen können, es aber in einer besonderen Zigarrenkiste für ihn aufbewahrte („Man wird sich doch, Gott behüte, nicht an einem armen Kind bereichern!"). Er war nun der Musterschüler der Klasse. Wenn er eine freie Stunde hatte, ging er allein aus der Stadt, in den Wald, las, träumte, jagte Schmetterlinge oder pflückte Blumen oder Brombeeren. In manchen Dingen hatte er mädchenhafte Neigungen. Er lernte ganze Gedichtbände auswendig. Er konnte einer Blüte gegenüber blaß und rot werden. Er hatte ein hysterisch-übertreibendes Schamgefühl, für Gewalttaten nicht das mindeste Verständnis, am Trinken, Rauchen, kriegerischem Männlichtun und Mädchenüberraschen kein Interesse. Er spielte weder Fußball noch Schwarzen Peter. Eines Sonntag nachmittags trieben die zwölf Kiwis im Hof ein großes Spiel, frei nach dem „Letzten Mohikaner". Der große Ock spielte meisterhaft den sterbenden Chingachgook, indem er oben auf der Mauer saß, eine Tonpfeife rauchte, deren Mundstück nur noch zur Hälfte existierte (wie hätte der alte Michenschwitz sie sonst wegwerfen können!), stundenlang ins Blaue starrte und 456