Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- An der Grenze
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 455 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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- Opatów 1× ep/1047788
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An der Grenze Boskin hatte auf diesen Schrei hin wie alle anderen erstaunt aufgesehen, aber da nichts geschah, wandte er sich wieder und ging vorsichtig, aber nicht ganz unsicher zu seinem Platz. Da allerdings setzte er sich sogleich hin, während schon der Chor mit den zwölf kleinen Kiwis, die seine hauptsächlichen Sänger waren, ein neues Gebet anstimmte. Frau Kiwi indessen schloß eine wohl auf Boskin bezügliche Reihe von Gedanken, Beobachtungen und Gebeten mit dem halblauten Seufzer: „. . als wenn es mein eigener wäre . ." Dann entstand eine kleine Völkerwanderung: Kinder und junge Leute beiderlei Geschlechts verließen die Synagoge, und da auch der Kantor Kiwi noch beide Eltern hatte (bis zu hundertundzwanzig Jahr7, so Gott will!), ging auch er mit seinen zwölf Söhnen für die Zeit des Totengebetes hinaus, das nun der Gabbai Lechem zwar ohne große Kunst, aber mit desto größerer Ergriffenheit vorbetete. Das Schluchzen im Andenken an die Verstorbenen war allgemein, und Frau Kiwi, die selbst keine Eltern mehr hatte, glaubte unter den vielen weinenden Betern Michael Boskins Stimme herauszuhören. Sein Gebet kam mit einer hellen, schneidend verzweifelten Klarheit nach oben und schien durch die bunte Kuppel zu irren, als könne es den Weg in den Himmel nicht finden. Gewiß war es nicht das erstemal, daß Boskin wieder auf seine Herkunft hingelenkt wurde, als er das Totengebet mitbeten mußte. Er war immer überaus schweigsam gewesen, und man hatte auch Grund anzunehmen, daß er die Erinnerung an gewisse furchtbare Vorfälle ganz oder teilweise eingebüßt hätte. Aber trotz diesem Nervenchok, den er allmählich überwand, mußte er sich wohl längst darüber klar geworden sein, daß er keine Eltern mehr hatte. Man nahm an, daß er aus Opatow, einer kleinen Stadt in Russisch-Polen stammte. Es war damals kurz nach der niedergeschlagenen Revolution von 1905 und dem Krieg mit Japan, die Kosaken zogen durch Rußland wie Kreuzfahrer. Die Regierung hatte ihrerseits Truppen ausgeschickt, Finnen und Polen unter baltischen Offizieren, um die Kosaken zurückzutreiben. In ihrer Wut und um dem „Feind" nichts in die Hände fallen zu lassen, hatten die drei Kosakenschwadronen, denen die Regierungstruppen unweit von Opatow eine Art Niederlage beigebracht hatten, die Ausgänge von Opatow besetzt, die Häuser angezündet, Speicher, Läden und Wohnungen geplündert, und während ringsherum die Flammen zum Himmel schlugen, die Einwohner gemordet, Frauen geschändet und im Blutrausch selbst mit Säuglingen kein Erbarmen gezeigt. Die Stadt war zum größten Teil von Juden bewohnt gewesen, und das spätere Strafgericht gegen die Kosaken fiel milde aus. Als die anderen Truppen einrückten, fanden sie nur Leichen und Trümmer. Unter den Toten waren halbverkohlte Kosaken, die sich offenbar in der Trunkenheit nicht mehr hatten retten können. Es war 455