Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- An der Grenze
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 454 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch sik durchsetzt, daß er selbst beim Schächten singen mußte, und hütete einige Dutzend Lieblings-Akkorde und Läufe wie Brillanten. Und doch konnte er es sich nicht verbeißen, sie noch selbst in die Thoravorlesung hineinglitzern zu lassen. Dann lief ein kaum zu merkendes Lächeln über das gutmütige Gesicht seiner Frau, die, ein weißes Spitzenhäubchen über dem braunen Scheitel, oben auf der Frauengalerie saß und hinuntersah. Unten aber, unter den Fremden, in der hintersten Bank, saß Michael Boskin, der jetzt, durch den Synagogendiener Lemel bereits verständigt, in zeremoniöser Weise zur Thora aufgerufen wurde. Mit der linken Hand die Augen halb verdeckend beugte Frau Kiwi sich weit vor. Selbst der sonst so sehr auf Unauffälligkeit bedachte Rechtsanwalt Goldfink drehte sich spontan um. Der kleine alte Michenschwitz stellte sich auf die Zehen, drehte den Kopf nach hinten und sah neben Boskin den großen Ock sitzen, der zum Feiertag zwar keinen anderen Anzug und kein sauberes Hemd, aber ein fast ehrwürdiges Grinsen vorwies, wodurch sein gelbes Eskimogesicht einen Schimmer von Sanftheit gewann. Eine Nachbarin hörte die sich noch weiter vorbeugende Frau Kiwi seufzen. Michael Boskin hatte die Krücken etwas zur Seite geschoben, war aufgestanden und — ging. Langsam, vorsichtig, mit unsicheren Schritten, aber ohne Krücken, ohne Hilfe. Nun kam er durch den schmalen Gang zwischen den Bänken nach vorn, nun langsam die Altarstufen empor. Der Kantor hielt in seiner melodischen Vorlesung aus der Thora inne. Alles war stumm und erwartungsvoll wie vor einem neuen Wunder. Boskin stand vor dem Almemor mit der aufgerollten Thora. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Auch er hatte einen Gebetmantel um. Mit dem einen Zipfel berührte er das heilige Pergament und küßte die weißen Fransen. Dann sprach er das Gebet. Man hörte zum erstenmal seine Stimme. Eine weiche, junge, traurige und klare Stimme. Frau Kiwi auf der Empore zitterte, er könnte stürzen, Gott behüte! Aber er stand fest, ohne sich anzuhalten, und mit den Zeremonien seines Gebetes ging auch die Spannung der Gemeinde vorüber. Als es aber zu Ende war und Boskin sich wenden wollte, um auf seinen Platz in der hintersten Reihe zurückzukehren, da sah es einen Augenblick lang wirklich so aus, als müsse er jetzt stürzen. In diesem Augenblick durchgellte die Synagoge der durchdringende Schrei einer Frauenstimme. Selbst der Rechtsanwalt Goldfink fuhr zusammen, und der alte Michenschwitz murmelte einen Psalmenvers. War das Frau Kiwi, die geschrien hatte? Sie wandte sich spontan zur Seite, von der sie es hatte schreien hören, und sah ein sehr hübsches junges Mädchen, das rot wurde und den Kopf senkte. Warum hatte dieses Mädchen geschrien? Aber Frau Kiwi hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. 454