Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- An der Grenze
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 453 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch / All der GretlZe (Fortsetzung) Als der Rechtsanwalt Goldfink später zur Synagoge kam und die vielen Bohnen blühen sah, dachte er: ich muß doch einmal nachsehen, was die Gemeinde für die Pacht dieses Stückchens Garten bekommt, denn der Pächter erntet damit, daß er uns den Vorgarten verschandelt, mindestens zwanzig Zentner Bohnen! Ach, an was man doch als Mitglied des Gemeindevorstandes alles denken muß! . . Er ging hinein, durch die Vorhalle, zwischen den Reihen der betenden Männer hindurch bis vor zur ersten Bank, und legte sich den weißen Gebetmantel mit der goldenen Borte nur wie einen schmalen Kragenschoner um die Schultern. Auch er war ein wenig unaufmerksam wie die anderen, denn man erwartete eine kleine Sensation. Es ist üblich, daß Männer, die einer Lebensgefahr entronnen sind, in feierlicher Weise vor den Altar treten und ein besonderes Dankgebet sprechen. Es hatte sich herumgesprochen, daß heute ein solcher Fall bevorstand, was die allgemeine festliche Erregung des Tages, des Bohnenwunders und des fälligen Totengebetes noch steigerte. Da standen nun diese fünfhundert meist einfachen, armen, um ihr Brot schwer kämpfenden Juden, oben auf der Empore die Frauen, unten (aus der Tiefe rufe ich zu Dir empor, mein Gott!) die bärtigen Männer, in die weiten weißen Gebetmäntel mit den breiten schwarzen Streifen ganz eingehüllt. Vorn am Almemor, vor der aufgerollten Thora, stand der Kantor Kiwi und las in der uralten Sprechmelodie, links neben ihm der eben zur Thora aufgerufene Lewite, rechts der Gabbai, der ihm mit der spitzen „Hand" aus getriebenem Silber Wort für Wort wies, diese in immer wiederkehrendem Singsang getragenen Worte, die der Kantor längst auswendig kannte und doch mit immer neuer Inbrunst erfüllte. Er war Kantor und Schächter in einer Person, wie es in den armen, kleinen Provinzialgemeinden nicht anders sein kann. Daß er Kantor sein durfte, hielt er für eine unzweifelhafte Gnade, daß er Geflügel und Wiederkäuer schachten mußte, für eine zweifelhafte Gnade. Alles übrige war ihm unzweifelhaft, und er nahm es so, als erkaufte er sich mit dem rituellen Schächten die Berechtigung zu singen. Er hatte weniger Wissen als Gedächtnis der jüdischen Dinge, war in der Musik wenig gebildet, zugleich aber so mit Mu- 453