Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- Erinnerung an Jakob Wassermann
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 451 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Erinnerung an Jakob Wassermann die Gemüter entfachte, wuchsen in Jakob Wassermann Gestalten, die stiller revoltieren sollten. Ein zielbewußter künstlerischer Arbeiter suchte die Erlösung aus schwerer Existenzform. 1899 lernte ich in einem Wiener Cafehause (die meisten Wiener Bekanntschaften fanden dort statt) Jakob Wassermann kennen. Ich wußte, daß der Dichter sich nach hartem Kampf von den Münchener Fesseln losgerissen und nun in Wien bei seinem Onkel, einem wohlgesinnten Fabrikanten, Zuflucht gefunden hatte. Er kam aus schwerer Not, man sah es ihm an. Er hatte erfahren, was Verlegertyrannei aus einem menschlich schwierigen, aber durch den Genius legitimierten Künstler machen konnte. Er war seine Peiniger los, aber er stand nun wieder am Anfang des Schriftstellerweges. Ich fand sein Vertrauen, und meine erste Frau konnte durch verwandtschaftliche Beziehungen zu dem Verleger S. Fischer dem scheuen und bedrückten Dichter helfen. Er las uns an vielen Nachmittagen Kapitel für Kapitel den Roman „Die Geschichte der jungen Renate Fuchs" vor. Noch sehe ich ihn in seinem kleinen Zimmer, den dunkel begnadeten Mann voll selbstbewußter Kraft, einsam trotzend. Er litt wie wenige an Zeit und Welt, aber er war dieser Leidensmacht gewachsen. Es las uns die Geschichte eines Mädchens von östlicher Glut. Aber nach der Vorlesung, sich und uns zur „Erholung" (so sagte er mit abkühlender Ironie) setzte er sich ans Klavier und spielte Beethoven. So war er am meisten er selbst: in dieser reinen Versenkung als Freund vor Freunden, in diesem schlichten, wahrhaft versunkenen Musizieren. Er liebte das wundervolle Menuett der Sonate opus 31 Nr. 3. Er spielte es an den Nachmittagen der „Renate Fuchs" nicht nur einmal. Mit seinen Hörern kehrte er immer wieder in dieses bessere Land ein, das nie enttäuschte. Ich sah Wassermann damals in Wien noch oft. Er war ein echter Freund, feurig in der Anregung, klug im Urteil, vielleicht noch mehr über Fremdes als über das eigene Schaffen. Er strömte über von orientalischer Fabulierlust. Die Freude an den eigenen Gaben nahm ihm zuweilen die Geschmackssicherheit, und seltsam stand dann das Herrlichste neben der Kitschgefahr. Vielleicht in einem dunklen Gefühl davon kontrollierte er mit freundlicher Strenge das Vorhaben anderer. Ich arbeitete damals an einem nie vollendeten indischen Sagendrama. Ein Brahmane war die Hauptgestalt, und von ihr ausgehend erzählte ich Wassermann die Fabel des Stückes. Er ging mit seinen eigentümlich trotzigen Schritten umher und sagte schließlich freundlich grollend: „Na ja, na ja. Sehr schön. Aber wissen Sie, dieser Brahmane (Prahmane sprach der Fürther Wassermann), den muß man ganz genau kennen. MitStraße und Hausnummer. Sie wissen, was ich meine." Während seiner Ehejahre in Grinzing bei Wien, um 1910, besuchte ich ihn und erlebte einen unvergeßlichen Nachmittag. Er 4SI