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Der Morgen · 1935-01-01 · Heft 10 (Januar 1935) · p. 450

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 10 (Januar 1935)
Article
Erinnerung an Jakob Wassermann
Date
1935-01-01
Page
450 (sequence 2)
Language
German
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Georg Hirschfeld derne, zog die Entdeckung eines neuen Dramatikers meist auch seine Aufführung nach sich. Dazu war es nun in jenem Fall nicht gekommen, aber die Geister der kleinen Hörerschaft waren ebenso heftig aufeinander geplatzt, als ob der Verein „Freie Bühne" ein großes Theater gefüllt hätte. Man gedachte noch lange lächelnd dieses sonderbaren Abends. Ernst von Wolzogen, der hochbegabte und bewegliche, allzu bewegliche Neuerer aus München, war zu Otto Brahm gekommen und hatte seiner Skepsis einen „neuen Mann" angekündigt. „Ich möchte die Sache bei Ihnen vorlesen", sagte Wolzogen. „Es ist nach meiner Überzeugung etwas Überraschendes. Der Autor heißt — erschrecken Sie nicht — Jakob Wassermann. Mein Münchener Sekretär. Ein kleiner, ghettohafter Jüngling aus Fürth. Er kam in einer Not zu mir, die man kaum für möglich hält. Er hatte buchstäblich gar nichts mehr. Eines Tages überrumpelte mich der schwarze Stoiker mit einem Drama: ,Der süße und der bittere Narr/ Ich habe es Ihnen mitgebracht. Es verdient gehört zu werden. Alles Übrige steht bei Ihnen." Brahm war von Wolzogens Eindringlichkeit betroffen, verschloß sich der Bitte nicht und lud zu der Vorlesung einen Hörerkreis ein, der sonst die neuen Dramen Gerhart Hauptmanns zum erstenmal vernahm. Der alte Fontane fehlte freilich, „wegen Schnupfen", aber Erich Schmidt, der berühmte Literarhistoriker der Universität, kam, Rudolf Rittner, der schöpferische Schauspieler der „Freien Bühne", Friedrich von Schennis, ein bedeutender Radierer aus dem nachklassischen Weimar, Emil Heilbut, unter dem Namen Hermann Helferich führender Kunstkritiker, und ich, der Jüngste des Brahmkreises. Wolzogen las in seiner temperamentvollen Weise das Opus Jakob Wassermanns vor. Er liebte es in genialischer Bubenart, Feuer zu entzünden, aber auf die Wirkung dieses Sturm- und Drangstückes war er doch nicht gefaßt. Brahms Gäste teilten sich in zwei erbitterte Lager. Das eine, völlig ablehnende, wurde von dem imposanten Professor Erich Schmidt geführt, im andern stand die Jugend, die um jeden Preis für Jugend eintrat. Brahm saß behaglich lächelnd in der Mitte, neigte aber schließlich mehr zur Jugend. Einigung war nicht möglich. Als Ergebnis seiner guten Tat konnte Wolzogen nur die Feststellung eines neuen Talents nach München mitnehmen. Wir alle sahen die Paradoxie unseres Kampfes damals nicht: es war nur der Dramatiker Jakob Wassermann, nicht der Erzähler, der zum erstenmal die Geister erregte. Einige Jahre lebte Wassermann in München, nicht mehr als Wolzogens Sekretär, sondern im Bann des Simplicissimuskreises. Er blieb aber im Hintergrunde der Ereignisse und gehörte nicht zu den waghalsigen Bohemiens der Zeit, die für ihre Anschauungen kämpften und — saßen. Doch während Frank Wedekinds „Lulu" 450

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