Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- Erinnerung an Jakob Wassermann
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 452 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Georg Hirschfeld: Erinnerung an Jakob Wassermann zeigte mir seine Kinder — der wunderschöne Albert wirkte wie eine unbeschwerte Wiederkehr des Lastenträgers Jakob. Dann ließ er mich seine Bibliothek sehen und sprach bekenntnisfroher als sonst von seiner Arbeitsweise. Diese absolute Energie des Schaffenden, des behutsamen und doch kühnen Menschenkenners hatte etwas Einmaliges. Ich blickte wie in eine lebendige Sammlung. Nichts dürr Literarisches und Abgestandenes, Museumshaftes war zu spüren. Ein glücklicher Künstler sprach. Ich nahm eine neue Ehrfurcht vor dem Begriff „Gestalt" mit. Als er mich noch in den Herbstabend des Wiener Weinlandes hinaus begleitete, sagte er: „Ich glaube, Sie kommen jetzt wieder nach oben. Man muß eben warten können. So geht es mir auch. Ich sitze hier bei Wien und arbeite. Es steht anders um mich als um Schnitzler und Hofmannsthal. Hier bin ich der Herr Niemand. Aber das macht nichts. Es entsteht etwas. Darauf kommt es an." — Zwei besonders einprägsame Begegnungen blieben mir noch aus den Jahren 1914 und 1927. Kurz vor Kriegsausbruch ging ich, von der allgemeinen Sorge erfüllt, durch die Münchener Straßen. Es war ein grauer, schwerer Tag, und die Menschen erschienen mir, im sicheren Leben dem Tode nahe, einander vertrauter und ähnlicher als sonst. Ich sah kein Individuum mehr, ich fühlte das deutsche Volk. Da blickte ich zufällig in einen Hauseingang der Brienner Straße. Ein untersetzter, sehr dunkler Mann, den Hut irf die Stirn gedrückt, stand dort und beobachtete. Ich wußte noch nichts von Wassermanns Anwesenheit in München. Er war es. Ganz in Betrachten und Nachsinnen versenkt, stand er da und ließ die Menschen seiner Tage vorübereilen. Ihm blieben sie Einzelköpfe, Einzelwelten. Er sah mich nicht. Als künstlerischer Gestalter ging auch er der Zeit entgegen, die das Gestaltete wahllos zerreißen wollte. Damals, 1914, sprach ich nicht mit ihm. Aber unsere letzte Begegnung, im Jahre 1927, endete mit einem heißen Gespräch — über Schiller. Wir hatten Max Reinhardts Aufführung von „Kabale und Liebe" im Salzburger Stadttheater gesehen. Ich trug einen großen Eindruck in mir und hoffte, ihn auch bei Jakob Wassermann zu finden. In manchem stimmte er mir zu, aber er grollte Schiller. Die alte Kluft, über die Otto Ludwig einst nicht fortgekommen, öffnete sich auch vor ihm. „Ich bitte Sie", sprach er mit glühenden Augen auf mich ein, „das ist doch kein Leben! Der erste Akt, die Exposition, wie er das macht — grandios! Aber dann! Diese Lady!! Sie will fliehen und verabschiedet sich einer rührenden Szene wegen von ihrer ganzen Dienerschaft! Nein, das ist kein Leben!" — Der große Fabulierer sprach, wie vor dreißig Jahren die konsequenten Naturalisten gesprochen hatten. Er kam von der Arbeit an einem Kampfbuch der Wahrhaftigkeit, dem „Fall Maurizius". 452