Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- Erinnerung an Jakob Wassermann
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 449 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Georg Hirschfeld: Erinnerung an Jakob Wassermann Ein Gedenkbla t t zum ersten Todestag Das künstlerische München wandte sich am Ende des neunzehnten Jahrhunderts entschiedener als Berlin von der Richtung ab, die oft mit ungerechter Verkleinerung als „Naturalismus" bezeichnet wurde. Es lag in Münchens farbig südlicher Art, man fühlte sich in junger Grenzenlosigkeit, von sozialer Bürde entlastet, der Welt der Schönheit zurückgegeben. Eines Abends saß ich im Cafe Luitpold, als ich von einer merkwürdigen Erscheinung betroffen, ja erschreckt wurde. Ein junger Mensch eilte vorüber, und ich hatte sofort das Gefühl, daß dieser nächtig Dunkle ein Dichter war: ein Blick von zehrender Glut, dämonisches Brennen eines inneren Reichtums, der vielleicht unerschöpflich war. Nur die Augen hafteten im Gedächtnis, sonst nichts von der Erscheinung des kleinen, unscheinbaren vorüberhuschenden Menschen. Nach einigen Tagen sah ich ihn wieder an derselben Stelle. Er ging diesmal langsamer, sein Blick war von sinnender, schwerer Ironie. Während er die Tische streifte, sah ich, daß der kleine, zigeunerhafte Mensch mit dem bläulich schwarzen Haar ein Bild der lässig, doch nicht schmerzhaft getragenen Armut war. Seine Kleidung war abgenützt, er ging in schlechten Schuhen. Das verbeulte Hütchen trug er trotzig in die Stirn gedrückt. Aber das Lächeln in seinen tiefen Zügen gab ihm ein Schweben über irdischer Gebrechlichkeit. Er beobachtete, aber er notierte nicht wie ein alltäglicher Literat. Er verglich vielleicht nur die Menschenbilder, die er sah, mit den Gestalten, die in ihm lebten. Ein junger Buchhändler saß am Tisch. Er bemerkte mein starkes Interesse: „Hat ein merkwürdiges Buch geschrieben. Bei Albert Langen erschienen. ,Die Juden von Zirndorf. Das Vorspiel ist verblüffend. Jakob Wassermann heißt er. Ein Fürther. Zirndorf liegt bei Fürth." Als ich den Namen hörte, tauchte plötzlich ein anderes Bild vor mir auf. Es war ein Berliner Bild, im Zentrum der bewegenden Kunstmächte der Reichshauptstadt von damals. In der einfachen Junggesellenwohnung Otto Brahms am Luisenplatz hatte im letztvergangenen Frühjahr wieder eine Vorlesung stattgefunden, die Einführung eines bisher unbekannten Dichters. Bei dem Direktor des Deutschen Theaters, dem kühnen Revolutionär der Mo- 449