Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- Die Wanderungsziele der sephardischen Emigranten
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 444 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Rudolf Levy aus Spanien ausgewiesen wurden, trat Kolumbus seine Fahrt an, die zur Entdeckung Amerikas führte. Die Expedition fand bei den Marranen tatkräftige Unterstützung. Marranen trugen zur Finanzierung bei, nahmen an dem Unternehmen teil, und es wird sogar behauptet, daß Kolumbus selbst mütterlicherseits jüdischer Abstammung gewesen sei. In der Folgezeit wanderten zahlreiche Juden und Marranen in die Neue Welt aus, obwohl Auswanderungsbeschränkungen in Gestalt hoher Abgaben dieser Wanderung Einhalt zu gebieten suchten. Bald trat auch dort auf Geheiß Philipps II. die Inquisition in Wirksamkeit. Aus Mexiko, Peru, Chile und dem La Plata-Gebiet sind uns tragische Berichte über das Schicksal von Marranen überliefert, die in den Kerkern und auf den Scheiterhaufen der Inquisition endeten. Die Juden scheinen dort jedoch trotzdem in einigen Zweigen des Kleinhandels und des Handwerks eine gewisse Bedeutung erlangt zu haben. Leider fehlt es an ausreichendem zuverlässigem Material über ihre Lage in jenen Ländern. Besser informiert sind wir über Brasilien. Dieses Gebiet, das im Jahre 1500 entdeckt wurde, entwickelte sich anfangs zu einer „Ablagerungsstätte von Übeltätern aller Art", die der portugiesischen Regierung unbequem wurden. Aus Mangel an Siedlern wurden Verbrecher und Juden als Kolonisten dorthin gesandt. Dies änderte sich, als 1532 das Zuckerrohr — wahrscheinlich auf Veranlassung portugiesischer Juden — von Madeira nach Brasilien gebracht wurde und sich in Bahia und Pernambuco, den brasilianischen Zentren, eine blühende Zuckerkultur entwickelte. Die Juden haben an diesem Aufstieg der Zuckerkultur großen Anteil gehabt. Anfangs übten diese Städte eine starke Anziehungskraft auf die jüdischen Flüchtlinge aus, weil die Inquisition hier nicht mit der gleichen Schärfe wirkte wie in den spanischen Gebieten. Dies änderte sich zwar, als Philipp im Jahre 1580 auch Herr über Portugal wurde und wiederholt Marranen nach Lissabon vor das geistliche Gericht brachte. Hierdurch wurde aber die Entwicklung des jüdischen Plantagenbesitzes nicht gehemmt. Zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts gehörten die Juden zu den wohlhabendsten Zuckerpflanzern Brasiliens. Von besonderer Bedeutung für die Juden war es, daß die Holländer — finanziert durch die Holländisch-Westindische Kompanie — im Jahre 1624 vorübergehend Bahia und im Jahre 1635 Pernambuco und die nördlichen Provinzen eroberten. Statthalter Neuhollands wurde Graf Johann Moritz von Nassau. Er schaffte Ordnung, veranlaßte die geflüchteten Großgrundbesitzer — vorwiegend Juden — zur Rückkehr und sorgte für Übernahme der herrenlosen Zuckermühlen und Ländereien durch frühere Offiziere, Beamte der Kompanie und Kaufleute. Hierbei überwogen wiederum die Juden. So kam es, daß bereits eine Schicht wohlhaben- 444