Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- Die Wanderungsziele der sephardischen Emigranten
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 442 (sequence 4)
- Language
- German
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Rudolf Levy Bald kam auch für die Juden im übrigen Italien, insbesondere im Kirchenstaat, eine schlimme Zeit. Das Tridentinische Konzil leitete die Gegenreformation ein. Der Jesuitenorden trat auf den Plan. Das Sanctum officium, das oberste Inquisitionstribunal, trat in Rom in Funktion. Die Inquisitoren beschlagnahmten die hebräischen Bücher der jüdischen Druckereien in Venedig, Mantua, Ferrara. Tausende von Talmudexemplaren wurden in feierlichen Autodafes verbrannt. Im Jahre 1555 bestieg der Großinquisitor Pietro Caraffa als Paul IV. den päpstlichen Thron. Seine Schreckensherrschaft leitete eine Zeit schwersten Judenleids ein. Eine völlig andere Welt fanden die sephardischen Emigranten in der Türkei vor. Die anderen Länder, in die sie gingen, gehörten dem christlich-abendländischen Kulturkreis an. Hier aber kamen sie in die Welt des islamischen Orients. Die spanischen Juden mögen an jene Zeiten zurückgedacht haben, als die Judenheit der Pyrenäenhalbinsel in der Blütezeit des arabischen Kalifenreichs, vielfach im gemeinsamen Gegensatz zu der Welt des vordringenden Christentums, zugleich eine große Epoche jüdischer Kultur erlebte und den Mittelpunkt der damaligen jüdischen Welt bildete. Im vorderen Orient hatten jetzt die osmanischen Türken die Herrschaft an sich gerissen. Die Herrschaft der Sultane atmete noch den Geist der asiatischen Steppe, aus denen die Türken in den Vorderen Orient und in die Balkanhalbinsel vorgedrungen waren. Hatten die arabischen Kalifen auch die Entwicklung des islamischen Kulturlebens in starkem Maße gefördert, so war die Wirksamkeit der türkischen Sultane vor allem auf die Organisierung eines mächtigen, in strengster Abhängigkeit gehaltenen Herrschaftsapparates und einer sehr aktiven Kriegsmacht gerichtet. Auf geistigem Gebiete haben die Türken wenig Schöpferisches hervorgebracht. Ihre Literatur lehnte sich — aus der Geschichte erklärlich — im wesentlichen an das persische Vorbild an. Ebenso wie sich die alttürkische Despotie, ständig in außenpolitische Konflikte verwickelt, weder um das geistige noch um das wirtschaftliche Leben der Untertanen bekümmerte, solange sie die immer drückender werdenden Abgaben entrichteten, entfaltete auch das türkische Volk selbst auf diesen Gebieten nur eine geringe Aktivität, sondern überließ den Fremden die Pflege ihrer jeweiligen Kultur und ebenso (vor allem den Griechen und Italienern) die nahezu ausschließliche Ausübung des Levantehandels. Die Eroberung des byzantinischen Konstantinopel durch die Türken im Jahre 1453 sollte diese Stadt und das Reich, dessen Mittelpunkt sie war, zur Zufluchtsstätte zahlreicher vertriebener Juden und Marranen machen. Nicht nur nach Konstantinopel, sondern auch nach Saloniki und in andere Städte der europäischen Tür- 442