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Der Morgen · 1935-01-01 · Heft 10 (Januar 1935) · p. 441

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Journal
Der Morgen
Volume
10 (1934-1935)
Issue
Heft 10 (Januar 1935)
Article
Die Wanderungsziele der sephardischen Emigranten
Date
1935-01-01
Page
441 (sequence 3)
Language
German
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Die Wanderungsziele der sephardischen Emigranten delsrepublik Genua wies die ersten aus Spanien kommenden Juden ab, offenbar weil die Genuesen die Konkurrenz des jüdischen Handels fürchteten. Später ließ man sie zu, um bald darauf wieder allgemeine Ausweisungsbefehle zu erlassen. So war das Schicksal der Juden in Genua recht wechselvoll. Die Folge war, daß für die Mehrzahl der sephardischen Flüchtlinge Genua nur der Durchgangsort in andere Länder, insbesondere in die Türkei, wurde. Venedig gewährte den spanischen Juden Einlaß. Als aber Marranen in größerer Zahl kamen, bekam der Senat der Handelsrepublik Gewissensbedenken und erließ gegen die Marranen ein Ausweisungsdekret, das jedoch wirkungslos blieb, ja nicht einmal die weitere Zuwanderung verhindern konnte. Im Jahre 1516 wurde ein Dekret erlassen, in dem zum ersten Male die Bezeichnung Ghetto vorkommt. Die Vorschriften über das abgeschlossene Judenviertel und den gelben Hut sollen rigoros durchgeführt worden sein. Jedenfalls hinderte alles dies nicht, daß die sephardischen Emigranten — Juden und Marranen — im venezianischen Handel eine hervorragende Rolle spielten. Sie waren Inhaber führender Bank- und Handelshäuser. Der Überseehandel ging vorwiegend durch ihre Hände. Aber auch für den Levantehandel waren sie wegen ihrer Beziehungen zu den Juden in den großen Mittelmeerhäfen von großer Bedeutung. Im Florenz der Mediceer und im Ferrara der d'Este konnten die sephardischen Juden sich niederlassen und — abgesehen von der kurzen Zeit der florentinischen Republik — ungestört ihre Handelsbeziehungen ausbauen. An dem Aufschwung des geistigen Lebens der Juden in Italien hatten die sephardischen Zuwanderer bedeutsamen Anteil. Sephardische Juden haben als Ärzte und Schriftsteller wertvolle Beiträge zu den damals aufblühenden Wissenschaften und Künsten geliefert. Philosophie und Naturwissenschaften, Geschichtswissenschaft und Geographie, Sprachwissenschaft und Dichtung jener Zeit legen Zeugnis ab von der geistigen Aktivität der jüdischen Immigration. Daneben standen sich auch hier Rabbinismus und Mystik gegenüber. Die Entwicklung der jüdischen Buchdruckerkunst trug viel zur Belebung des geistigen Schaffens bei. Das Königreich Neapel nahm anfangs die sephardischen Emigranten auf. Es wurde dann aber zum Kampfplatz zwischen Franzosen und Spaniern und fiel schließlich im Jahre 1505 den Spaniern zu. Die spanischen Vizekönige bemühten sich, unterstützt von den politisch begabten, hochkultivierten Abrabanels, die zu den ersten spanischen Emigranten gehörten, die neapolitanischen Juden vor dem Schicksal ihrer Brüder im übrigen Spanien zu bewahren. Dies gelang auch, bis Karl V. sie 1540 aus Neapel vertrieb, nachdem er vorher gegen Zahlung von zehntausend Golddukaten einen zehnjährigen Aufschub zugesagt hatte. 441

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