Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1935)
- Article
- Die Wanderungsziele der sephardischen Emigranten
- Date
- 1935-01-01
- Page
- 440 (sequence 2)
- Language
- German
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Rudolf Levy dem spanischen Staatsgebiet verfügte. Wenige Jahre später wurden die Juden auch aus dem benachbarten Portugal ausgewiesen. Wieder begannen die Juden zu wandern. Nach Frankreich, nach Italien, in die Türkei, nach Nordafrika, nach Amerika, in die Niederlande, in das Deutsche Reich. Ihr Schicksal in einigen dieser Länder soll hier verfolgt werden. Nächstes Wanderungsziel der sephardischen Emigranten war Italien. Humanismus und Renaissance waren die Strömungen, die jene Zeit beherrschten und dem Lebensgefühl und dem Gewissen des Einzelmenschen zur Freiheit von mittelalterlicher ständischer und kirchlicher Bindung zu verhelfen im Begriffe waren. Aber der Höhepunkt war erreicht, und die ersten Anzeichen der kommenden Zeit der Gegenreformation und des Barock waren schon zu bemerken. Der gewaltige Aufschwung, den Künste und Wissenschaften im Italien jener Zeit nahmen, braucht in diesem Zusammenhange nicht näher belegt zu werden. Hand in Hand damit ging eine starke Entfaltung des wirtschaftlichen Lebens. Die Grundlagen der modernen Geldwirtschaft wurden damals gelegt. Von Italien aus verbreitete sich der kapitalistische Geist über Europa. Genua und Venedig nahmen eine führende Stellung im internationalen Handel ein. Unerfreulich war die politische Lage. Zwei Jahre nach der Vertreibung der Juden aus Spanien begann mit dem Einfall der Franzosen der Kampf zwischen Frankreich und Spanien um Italien. Dazu kam der Einfall der deutschen Heere. Die Zeit der freien Städte ging dahin. Die Macht des Papstes erreichte ihren Höhepunkt. ' Das war die Situation in Italien, als die jüdischen Flüchtlinge in dieses Land kamen, in dem es bereits größere jüdische Gemeinden gab. Der Papst Alexander VI. erlaubte den ersten Juden und Marranen, sich in Rom niederzulassen. Auch seine Nachfolger auf dem Stuhle Petri zeigten sich tolerant. Leo X. gestattete z. B. die Errichtung einer hebräischen Buchdruckerei. Die Juden von Rom schieden sich damals in die Alteingesessenen und die Zugewanderten, unter denen sich wiederum Landsmannschaften mit eigenen Synagogen bildeten. Zur Regelung der Streitigkeiten, die zwischen diesen Gruppen entstanden waren, erließ der Papst Clemens VII. im Jahre 1524 eine Verfassung für die römische Gemeinde, die zwei Jahrhunderte hindurch in Wirksamkeit blieb. An der Spitze der Gemeinde stand ein großer Rat, der aus 35 Vertretern der Alteingesessenen und 25 der Zugewanderten bestand. Der Gemeinde stand eigene Gerichtsbarkeit zu. Alle Päpste dieser Zeit hatten jüdische Leibärzte. Weit schlechtere Erfahrungen als im Kirchenstaat machten die sephardischen Emigranten in anderen Gebieten Italiens. Die Han- 440